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(c) Bezirk Oberfranken

Haus Marteau

Gebaut im Breitwand-Sound

Eine Rarität ist es, die Nicolas Koeckert jetzt mit der Deutschen Radiophilharmonie vorlegt: das Violinkonzert von Henri Marteau.

Ein romantisches Violinkonzert, aber was für eins! Henri Marteaus Opus 18 klingt süffig, hymnisch auffahrend und ist üppig instrumentiert. Immer wieder kommen rauschende Harfen-Kaskaden zum Einsatz, dann frappieren Wagner-Anklänge, die an den dräuenden Klingsor-Akt des „Parsifals“ erinnern. Das Werk ist virtuos gesetzt, verlangt vom Solisten Glissandi, Doppelgriffe, jähe Sprünge und besitzt sowohl die brütende Schwere Regers als auch die schmelzende Süße von Bruchs Violinkonzert. Im langsamen schält sich aus tiefer Lage ein liedhaftes Thema heraus und steigert sich hinein in einen sinnlichen Breitwand-Sound, dessen mentale Heimat nicht in der französischen Herkunft des Komponisten und Geigenvirtuosen Henri Marteau wurzelt, sondern eindeutig in der deutschen romantischen Tradition.
Nicolas Koeckert spielt delikat, mit rundem, saftigem Ton und souveräner Virtuosität, die Deutsche Radiophilharmonie unter Raoul Grüneis nimmt den üppigen Orchestersatz mit wohltuender Transparenz – massiger gespielt könnte das Werk wohl dem eigenen Gewicht erliegen.
Aber was ist das eigentlich für eine Trouvaille, dieses nie gehörte Violinkonzert des heute fast vergessenen Henri Marteau? Das ist mehr als nur eine Geschichte. Henri Marteau machte eine märchenhafte Karriere als Geiger und lehrte seit 1908 als Nachfolger Joseph Joachims in Berlin. Sichtbarer Ausdruck dieses Ruhms und seiner Anerkennung in Deutschland war seine Sommerresidenz, die er sich im oberfränkischen Lichtenberg 1912/13 bauen ließ. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Marteau interniert, verlor seine Berliner Professur und konnte nach dem Krieg an seinen alten Ruhm nicht wieder anknüpfen. 1934 starb er in seiner Lichtenberger Villa, die er zeitlebens immer wieder auch als Akademie für Schüler und sein Berliner Streichquartett genutzt hatte. Schon vor dem Krieg fanden die dort veranstalteten Konzerte große Resonanz in der Region. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief kaum 300 Meter hinter dem Anwesen der Eiserne Vorhang, Marteaus Witwe lebte bis 1977 in dem Haus, die Erben sorgten dafür, dass es 1980 vom Bezirk Oberfranken gekauft und zu einer Musikbegegnungsstätte ausgebaut wurde.
Seit zwanzig Jahren wirkt dort mit Feuereifer Ulrich Wirz als Verwaltungsleiter und ist die treibende Kraft hinter den Ausgrabungen von Marteaus Kompositionen. Wenn man mit ihm telefoniert, ist der unterhaltsame Strom der Geschichten über ein exemplarisches Musikerschicksal des 21. Jahrhunderts kaum zu stoppen, er erzählt aber auch von der überraschenden Offenheit der Provinz, von Bürgerstolz und Engagement.
Die Partitur des Violinkonzerts war verschollen, es existierte lediglich ein Klavierauszug und eine stark gekürzte Aufnahme im Archiv WDR Köln aus den 1960er Jahren. Der Dirigent Raoul Grüneis – ein Schulfreund von Wirz – rekonstruierte das Werk und führte es mehrfach im Konzert auf, bevor er es nun mit Koeckert eingespielt hat. „Man muss das mögen“, sagt Wirz über den Breitwand-Sound des Violinkonzerts. „Es gibt noch ein Cello-Konzert“, weiß er und wird vermutlich auch das früher oder später wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen.

www.haus-marteau.de

Erscheint am 2.11.:

Henri Marteau

Violinkonzert C-Dur op. 18, Serenade op. 20

Nicolas Koeckert, Deutsche Radio Philharmonie, Raoul Grüneis

Solo Musica/Sony

Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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