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(c) Kevin Leighton

Choir of King’s College

Macht Sinn

Die „Nine Lessons and Carols“ aus Cambridge hört alljährlich der halbe Globus – vor 100 Jahren bannte man damit den Weltkrieg.

In Großbritannien wird einiges anders gemacht als auf dem Kontinent. Auch Weihnachten. Am 24.12., während hierzulande Bescherung und Gänsebraten ihren Höhepunkt erreichen, ist auf der Insel lediglich der stimmungsvolle Vorabend zum Fest, der Christmas Eve. Zur Einstimmung aufs Fest gehört für viele Haushalte in England das Verpacken der Geschenke – und die Übertragung eines Gottesdienstes aus Cambridge. Inzwischen verfolgen ihn aus Tradition auch Millionen Menschen in den USA und dem ehemaligen Commonwealth. Das „Festival of Nine Lessons and Carols“ ist so wichtig wie Christmas Pudding und Stechpalmenzweig.
Den Anstoß dazu gab vor einhundert Jahren Eric Milner-White, frisch zum Dekan am King’s College ernannt. Er hatte das Grauen des Ersten Weltkriegs als Feldkaplan selbst erlebt. Von der Kapelle des King’s College, deren ehrwürdiger Chor bereits 1414 gegründet worden war, sollte die glaubenserneuernde Botschaft ausgehen, zu besonderen Anlässen Gottesdienste zeitgemäßer zu gestalten. Die ließen sich in der vorlesungsfreien Zeit an Weihnachten bei nur wenigen Studenten einem größeren Publikum öffnen.
Für die erste Feier 1918 ersann Milner-White einen Ritus, der in seiner Schlichtheit und Festlichkeit die Zeitgenossen begeisterte und sich bald in ganz Cambridge herumsprach. Dafür erklangen bekannte Weihnachtslieder und Gemeindegesang im Wechsel mit neun Lesungen aus der Bibel, die die College-Hierarchie, vom jüngsten Choristen bis zum Kanzler, zu Wort kommen lassen. Zugleich baut die Struktur auf feste Gesänge und veränderliche Elemente, vereint Vertrautes und den Wunsch nach Neuem.
Mit der ersten Übertragung durch die BBC 1928 drang das Ritual in die britische DNA ein, spätestens in den patriotischen Jahren des Zweiten Weltkriegs gehörte es zum Bestand. Seit Chordirektor David Willcocks wächst ein Repertoire an eigenen Arrangements der Weihnachtslieder heran, die inzwischen als Chorbücher auch großen Widerhall bei anderen Chören finden. Willcocks setzte Ehrgeiz in die Erfindung neuer Oberstimmen, die klanglich über Orgel und Gemeinde zu schweben scheinen, etwa wenn er „Adeste fideles“ (auf Englisch: „O come, all ye faithful“) mit dem Kehrvers von „Ding Dong, merrily on high“ verschmelzen lässt. Sein Nach-Nachfolger Stephen Cleobury sorgt nun schon seit 1982 alljährlich für ein Auftragswerk bei namhaften Komponisten (und ehemaligen King’s- Studenten), wie Judith Weir, Thomas Adès oder Bob Chilcott, aber auch bei John Rutter, Arvo Pärt oder John Tavener. Dank der Einführung von Chorstipendien seit 1880 sind die Männerstimmen heute lediglich 18 – 22 Jahre alt, alle Chorsänger erhalten Einzel- Gesangsunterricht, zwischen den Terms geht der Chor auf Konzerttournee um die Welt. Doch eins ist sicher: Am 24. werden die jungen Sänger wieder zu den Strophen des Weihnachtsliedes „Once in Royal David’s City“ in die King’s College Chapel einziehen und ihre musikalische Weihnachtsbotschaft in die Welt senden.
Noch immer ist der Gottesdienst öffentlich. Wer die „Nine Lessons and Carols“ einmal selbst unter dem Fächergewölbe der Kapelle erleben möchte, muss sich allerdings bereits am frühen Morgen des 24. Dezembers anstellen. Wem das zu anspruchsvoll ist, der wird mit den hervorragenden Aufnahmen des Chores sicher auch glücklich.

Neu erschienen:

100 Years Of Nine Lessons and Carols

King’s College Choir, Philip Ledger, David Willcocks, Stephen Cleobury

LSO live/Note 1

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2018



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