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Doppeltes Spiel

Paris (F), Opéra: A. Scarlattis „Il primo omicidio“/ Berlioz` „Les troyens“

Ambitiöses Premierendoppel zum 350. Geburtstag der Pariser Opéra. Dafür gelang es, zwei der wichtigsten Opernregisseure zu verpflichten. Im Palais Garnier gibt es ein Oratorium von Alessandro Scarlatti von 1707: „Il primo omicidio“. Dieser musikalisch strenge „erste Menschheitsmord“ liegt musikalisch in den idealen Händen von René Jacobs am Pult des taffen B’Rock Orchestra.
Auf der Bühne inszeniert Romeo Castellucci mit einem mittelprächtigen Vokalsextett – fast gar nichts. Im ersten Teil stehen die Sänger in Alltagsgewandung halbszenisch vor einer milchigen Trennwand, hinter der Licht- und Feuerleisten zu ahnen sind und vor der sich ein auf dem Kopf stehender Verkündigungsaltar herabsenkt. Nach der Pause blicken wir auf eine dürre Wiese und Sternchen. Nachdem Kain Abel erschlagen hat, übernehmen Kinder als vorgebliche Unschuldsengel mit einer Mini-Playback- Show die Opernmacht. Adam, Eva und der Teufel tönen aus dem Graben, Gott aber singt aus der Intendantenloge.
Wenig inspiriert – ausgerechnet zum 150. Berlioz- Todesjahr – geraten auch in der Opéra Bastille „Les troyens“ des sonst so spannenden Dmitri Tcherniakov. Die ersten zwei Akte, wir sehen ausgeglühte Beirut-Betonruinen und eine im Stilmöbelbunker posierende Diktatorenfamilie im Sixties-Look, sind stark. Doch drei Akte lang Karthago als Heim für Kriegsveteranen, wo Aeneas sein Trauma mit Dido kuriert, das funktioniert nur kurzzeitig.
Selbst Musikchef Philippe Jordan kommt über schlanke Klangverwaltung nicht hinaus, Größe und Tragik dieser Oper bleiben er und das neutral aufspielende Orchester (ist es die Akustik?) schuldig. Neben den sehr gut besetzten Episodenfiguren beeindrucken Brandon Jovanovichs robuster Énée und die großen Frauengestalten – Stéphanie d’Oustrac als biegsam-intellektuelle Cassandre und die voluminös-warme Ekaterina Semenchuk als Didon. Beide tragen gelbe Hosenanzüge, so mancher Trojaner verschämt Baskenmütze. Soll das etwa ein politischer Kommentar sein?

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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