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(c) Magdalena Spinn

Dortmunder Philharmoniker

„Ich habe den Eindruck, dass wir unser Publikum haben!“

Das Dortmunder Konzerthaus rangiert in der Oberliga der europäischen Konzertsäle. In Nordrhein- Westfalen steigen die Weltklasse- Orchester inzwischen bevorzugt in dem 2002 eröffneten Saal ab, der sich in der Dortmunder Brückstraße im problematischen Umfeld von Döner-Buden und Sportwetten-Cafés behauptet. Auch das städtische Musikleben blüht. Beim 6. Sinfoniekonzert unter dem emphatischen Titel „Selige Stimmen“ strömen an einem Dienstagabend mehr als 1.000 Zuschauer in den Saal. GMD Gabriel Feltz rechnet vor: „Unsere Auslastung liegt bei etwa 80 Prozent, wir haben 16 Prozent zugelegt in den 5 ½ Jahren meiner Amtszeit.“
Das Programm kombiniert Mozarts gefürchtete c-Moll-Messe mit Sergei Rachmaninows sinfonischem Schinken „Die Glocken“. Eine gewagte Paarung, die Stilkompromisse befürchten lässt. Aber es kommt ganz anders: Nicht weniger als sieben Solisten kommen zum Einsatz, vier schlanke Stimmen für Mozart, und ein fürs Russische kompetentes Trio für Rachmaninow, bei Mozart tritt der Philharmonische Chor Brünn halbiert auf, und im Orchester spielen die Streicher historisch informiert Non-vibrato, bei Rachmaninow wird es wuchtig, und die nagelneu gegossenen Glocken kommen zum Einsatz.
Diese stilistische Breite erstaunt, ist für Feltz aber selbstverständlich: „Die historische Aufführungspraxis ist ja nicht mehr brandneu, und natürlich ist davon in meiner Generation viel angekommen. Wir achten sehr auf filigrane Tempi und setzen auch alte Instrumente wie Naturtrompeten ein, aber ohne Dogma. Ein Ritardando ist nicht verboten! Aber man sollte schon was riskieren.“
Feltz geht es um eine behutsame Entwicklung: „Dortmund war bisher kein Mekka für Neue Musik. Wir tasten uns vorsichtig heran. Ich wollte bewusst erst einmal an den Klassikern arbeiten. Vor anderthalb Jahren haben wir mit Thomas Adès erstmals eine Komposition von 1996 aufs Programm gesetzt. Das hat funktioniert, mit einer sehr guten Auslastung. Es geht darum, dass die Werke untereinander thematisch bezogen und interessant sind. Ein weiteres Beispiel: Im November hatten wir ‚Scherzo triste‘ von Pavel Haas von 1921 in Kombination mit Bartóks 3. Klavierkonzert und Bruckners Neunter.“
Den Schwerpunkt sieht Feltz weiterhin im klassisch romantischen Repertoire bis hin zur Spätromantik. „Ich will mich aber weiter vortasten, ich meine Richtung Nono, Henze, Widmann und Gubaidulina.“
In Dortmund steigen regelmäßig Spitzenorchester wie die Wiener Philharmoniker ab. Feltz empfindet das als befruchtend: „Das ist unsere Konkurrenz, aber wir finden das toll, und das Publikum bindet sich trotzdem an sein Orchester. Ich hab’ den Eindruck, dass wir unser Publikum haben!“
Feltz schätzt sich auch glücklich mit der Akustik, die eine große Breite des Repertoires erlaubt: „Einerseits gibt der Raum im Volumen in die Höhe hinaus viel Platz, um sich auszuspielen. Aber für kleinere Besetzungen lässt er außerordentlich feine Schattierungen und Pianissimi zu. So konnten wir Vivaldis ‚Jahreszeiten‘ mit Strawinskis ‚Sacre‘ kombinieren.“ Im Sommer kommt ein Mitschnitt von Mahlers Achter heraus. Von Rachmaninow – „mein persönlicher Hausgott!“ – folgt eine Aufnahme der „Symphonischen Tänze“ und der „Glocken“.

www.doklassik.de

Sergei Rachmaninow

Sinfonie Nr. 3 a-Moll

Dortmunder Philharmoniker, Gabriel Feltz

Dreyer Gai/Note 1

Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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