Startseite · Klang · Testgelände

Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Heute tragen wir den Raritätenstapel auf dem Schreibtisch ab, nach der Marie-Kondō-Methode. Das ist wie bei der Pralinenschachtel von Forrest Gump: Man weiß nie, was man kriegt. Manchmal sind Preziosen darunter, die ein glückliches Gefühl entfachen. Teure Luxusstimmen, große Erschütterungen, echte Lieblinge. Zum Beispiel: der „Amleto“ des Verdi- Freundes Franco Faccio (Naxos). Ein verloren geglaubtes Manifest des „nuovo melodramma“ von 1865, komponiert nach einem Libretto von Arrigo Boito – erst 2002 wieder aufgefunden und vor drei Jahren bei den Bregenzer Festspielen ins Bühnenleben zurück gebeamt. Was für ein Potenzial steckt in diesem Stück! Und warum gab es bis jetzt keine weiteren Folgeaufführungen? Liebe Intendanten, hört euch das endlich mal an, wenn ihr schon den Video-Mitschnitt aus Bregenz verpeilt habt. Damals feuerte Paolo Carignani die Wiener Symphoniker an. Den Polonius sang der junge russische Bass-Bariton Eduard Tsanga, inzwischen überraschend verstorben. Und in der Tenortitelrolle glänzte, als Hamlet, Pavel Černoch, mit so schönem Stahl, Schmelz und Charakter, dass man sich wundert, wie er sich in diesem Sommer als Jason in Salzburg so enttäuschend unter Wert verkaufen konnte.

Eine so helle, flache, glasklare Engelsstimme wie die von Mariana Flores findet sich nicht alle Tage. Sie ist viel gefragt im Barockopernfach. Jedes Wort ist zu verstehen. Im mittleren Register legt sich ein zauberisch androgyner Film auf die Stimme, und wenn sie sich, absolut linear geführt, langsam zurückschraubt ins Piano, stellen sich die Nackenhaare auf. Solo war diese feine Kunst zuletzt zu bewundern auf einer Monteverdi-CD, jetzt hat sich die Flores die dunkelblauen Hits von John Dowland vorgenommen, wozu ihr ständiger Begleiter Hopkinson Smith mit Achtsamkeit die Laute schlägt. Eine ideale Kombination! Die Stimme von Flores schmiegt sich, wie „Hoppy“ sich auszudrücken beliebt, „zwischen die Saiten“ seines Instruments, das seinerseits die Stimme umarmt, wie ein leidenschaftlicher Liebhaber. „Whose Heavenly Touch“ heißt das Album (Naïve/Indigo, erscheint am 11. Oktober). Worte und Töne fallen wie schwere Regentropfen, der Puls wird immer langsamer, das Herz tut weh.

Schon seit den dreißiger Jahren ist das Vibrafon, mit seiner intergalaktischen Traumstimme, regelmäßig im Jazz zu Gast. Auch im Orchester malt es sphärisch mit. Tut es sich aber mit nur einem einzigen Violoncello zusammen, finden zwei Seelenklangfarben zu so staunenswert starker Allianz, dass die gemeinsame Lust am Beben alle anderen Parameter überformt. Alles löst sich auf im Ornament. Die in zeitgenössischer Musik sturmerprobte Cellistin Anna Carewe und der Vibrafonist Oli Bott stellen dies auf ihrem selbstproduzierten Album „Timescapes“ (GEM/Soulfood) in den Vordergrund, mit hochvirtuosem Einsatz. In ihren Improvisationen streifen sie laufend die Grenze zum Kitsch. Zwei Esslöffel Bach und eine Prise Vivaldi, aus Grieg und Satie werden Nachbarn von Kleingartenparzellen, Piazzolla und die Beatles grüßen über den Maschendrahtzaun. Muss man mögen. Muss man?

Auf der Liste ungeklärter Todesfälle steht der Name Charles-Valentin Alkan ganz oben. Es heißt, er sei von seinem Bücherregal erschlagen worden, als er oben den Talmud herausziehen wollte. Wenn das nicht wahr ist, so doch immerhin gut erfunden. 1839, mit nur fünfundzwanzig Jahren, auf der Höhe seines Klaviervirtuosenruhms, hatte sich Alkan der Melancholie ergeben und nach und nach komplett aus dem Pariser Musikleben zurückgezogen. Er übersetzte die Bibel aus dem Syrischen ins Französische und komponierte wunderlich visionäre, avantgardistische Klaviermusiken. Darunter: die 25 Préludes op. 31, neu eingespielt von Mark Viner im Rahmen seiner Alkan-Edition (Piano Classics/edel). Dieses Experiment hatte Alkan 1847 noch zum Druck frei gegeben. Op. 31/VIII bewegt sich nur im tiefsten Bass- und zugleich höchsten Diskantregister, die Nr. 24 im Prestississimo an der Grenze zur Unspielbarkeit. „Ich bin eingeschlafen, mein Herz wacht“, lautet der Titel von Nr. 13, ertrinkend in Pedal.

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 4 / 2019



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Boulevard

Strahlendes Blech von oben

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

„Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von […]
zum Artikel »

Gefragt

Jan Caeyers

Die Grammatik Beethovens

Der belgische Dirigent pflegt mit seinem Orchester „Le Concert Olympique“ einen ganz eigenen […]
zum Artikel »




Top