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(c) Pascal Gely

William Christie

Der ewige Gärtner

Der Gründer von Les Arts Florissants feiert das 40-jährige Bestehen des Ensembles – und legt die Heckenschere nicht aus der Hand.

Was hat klassische Musik mit Gärtnerei zu tun? Einiges. Nicht nur Sänger wie Edita Gruberova und Joan Sutherland sind für passionierte Erdarbeit unter freiem Himmel bekannt. Auch William Christie ist ein leidenschaftlicher Gärtner und veranstaltet auf seinem weitläufigen Landsitz in Südfrankreich sogar ein Festival. Sein Ensemble Les Arts Florissants benannte er nach der Kunst des Sprießenlassens (und einem Werk von Marc-Antoine Charpentier). Kein Wunder, handelt es sich doch in der Musik ebenso wie im Grünen darum, Flora entstehen und Blüten sich entwickeln zu sehen, ohne zu drängeln. Es geht um zwangloses, organisch schönes Gedeihenlassen.
Seit 40 Jahren gibt es Les Arts Florissants. Und ‚Buffalo Bill’, wie man ihn intern nennt (weil er aus Buffalo/ New York stammt), hat sogar das seltene Kunststück fertiggebracht, einen Nachfolge-Gärtner auszuersehen und zu inthronisieren, nämlich den früher als Tenor vielbeschäftigten Paul Agnew. Um das stilistische Profil braucht er sich nicht zu sorgen. Es gibt kaum ein unverwechselbareres Ensemble als Les Arts Florissants, keinen spritzigeren, toller sprühenden Wassersprenger der Alten Musik.
Den Schlauch hielt Christie vor allem an solche Komponisten, die aus der Mode gekommen waren, und drehte die Düse bei Meistern des französischen Barock auf. „Wir wollten uns gerade für solche Komponisten einsetzen, allen voran für Charpentier, die von der Nachwelt vergessen oder ungerecht behandelt worden waren“, erzählt er. Das sorgte für so unsterbliche Katalogklassiker wie „Idoménée“ von André Campra, „Atys“ von Jean-Baptiste Lully und natürlich Charpentiers „Médée“ (ein Werk, das er sogar zweimal aufnahm, zuletzt als Vermächtnis der Mezzo-Sopranistin Lorraine Hunt-Lieberson).
Indes bedeutet es aber nicht, dass Christie die Kleinmeister bevorzugt. „Meine große Liebe gehörte immer der ersten Garde – also Monteverdi, Purcell, Händel und den anderen Großen der Epoche.“ Nur kam er zu ihnen erst später. „Sie dürfen nicht vergessen, dass ich aus einer Zeit stamme, in der Barockmusik noch ganz selbstverständlich mit Gwyneth Jones und Jon Vickers besetzt wurde, die das auch großartig sangen.“ Es war jene Epoche, in der Dirigenten wie Raymond Leppard oder Jean-Claude Malgoire sogar Monteverdi mit einem Sinfonieorchester aufführten. „Da lag der Fehler!“, so Christie. Gemeinsam mit anderen Gründervätern der historischen Aufführungspraxis hat er das, soweit es möglich war, inzwischen korrigiert.

Alles bloß Gartenarbeit

Da Christie bekennender Fan berühmter Stimmen ist, gelangen ihm glamouröse Gesamtaufnahmen wie etwa die neue „Incoronazione di Poppea“ mit Sonya Yoncheva, Mozarts „Entführung aus dem Serail“ mit Christine Schäfer und Ian Bostridge und Rameaus „Les Indes galantes“ mit Sandrine Piau. Wenn er als Primadonnentröster der Alten Musik gelten darf, so war er doch immer auch zugleich selbst große Diva. Obwohl US-Amerikaner, hat er sich vollständig, auch sprachlich, perfekt an seine französische Umwelt assimiliert. Der schillerndste Dirigier-Divo des Barock ist zugleich ein anpassungsfähiges, stilsensibles Chamäleon.
Der glitzerige, spritzige Klang seines Ensembles ergab sich übrigens aus der Wahl der Komponisten selbst, so Christie. „Andererseits muss ich zugeben: Dieser Klang entspricht meinen Vorlieben. Es ging darum, einen Klang zu finden, der den Worten und der Wortverständlichkeit dient“. Daher musste der Klang „durchlässig sein, anstatt die Stimmen zuzudecken“. Es handele sich immer darum, so Christie, „die Musikalität der Worte zur Geltung zu bringen“. Das ist es wohl, was man ‚Rhetorik’ in der Alten Musik nennt.
Vor einigen Jahren kehrte er reumütig zum Label seiner ersten Jahrzehnte zurück, nachdem er vorübergehend sein eigenes ins Leben gerufen hatte. Dort dankt man es dem verlorenen Sohn nun mit einer luxuriösen „Poppea“- Neueinspielung (als Mitschnitt von den Salzburger Festspielen, 3 CDs+DVD). Dass der Grande ein Paradiesvogel ist, zeigte sich vielleicht sogar daran, dass er sich schon vor vielen Jahren als homosexuell outete. „Viele Dirigenten sind homosexuell, nun gut“, wägt er ab. „Sie bringen Sensibilität und Schönheitssinn mit. Beides können sie gut brauchen.“
Auch an Deutungshoheit glaubt er nicht. „Ich weiß nur eines: Einen richtigen Weg gibt es nicht. Auch keinen authentischen.“ Das sei alles Unsinn. „Es gibt höchstens einen Rahmen aus historischen Informationen, den man um ein Werk zieht.“ Der sei dann gut dafür, die Stimmen auf individuelle und persönliche Weise sich entfalten zu lassen. „Darauf kommt es an.“ Der Rest: Geduld und Gartenarbeit.

www.arts-florissants.com

Neu erschienen:

Carlo Gesualdo

Madrigali Books 1 & 2

Les Arts Florissants, William Christie

LAF/harmonia mundi

Claudio Monteverdi

L’Incoronazione di Poppea

Sonya Yoncheva, Kate Lindsey, Marcel Beekman, Tamara Banjesevic, Lea Desandre, Dominique Visse, Alessandro Fisher, Les Arts Florissants, William Christie

LAF/harmonia mundi

Jubiläumsausgaben:

Charpentier: „Médée“, mit Feldman, Ragon, Mellon, Bona (3 CDs)

Lully: „Atys“, mit de Mey, Laurens, Mellon (3 CDs)

Rameau: „Les Indes galantes“, mit McFadden, Piau, Poulenard, Rime, Ruggeri, Crook (3 CDs)

– jeweils mit Les Arts Florissants, Christie, LAF/harmonia mundi


Zum Weinen schön

Mit seiner Gesangs-Kaderschmiede „Le Jardin des voix“ kommt William Christie am 19. November konzertant ans Theater an der Wien und gibt Mozarts „Finta giardiniera“. Ansonsten feiern CDs seinen Rang: „Médée“, „Atys“ und „Les Indes galantes“ sind in Sondereditionen wiedererschienen. Sehr schön seine letzte CD (vor Monteverdis Jubiläums-„Poppea“): eine Sammlung höfischer Liebes- und Trinklieder unter dem Titel „Si vous vouliez un jour …“ („Wenn Ihr eines Tages wolltet ...“). Zum Weinen schön: Christies „h-Moll-Messe“ (von 2016). Dies alles sind eher prunkvoll strahlende, tänzerisch leichtfüßige Deutungen. Christie, kein Zweifel, hat festlichen Glanz in der Alten Musik neu definiert.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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