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(c) Tamara S. Orlov

Berliner Barock Solisten

Bleibt in der Familie

Nicht nur der alte Bach war ein Meister der Kantate – auch seine Söhne waren auf diesem Feld bewandert, wie die Berliner Barock Solisten zeigen.

Johann Sebastian Bach ist so etwas wie der Universalkomponist, der mit Ausnahme der Oper jede maßgebliche Gattung seiner Zeit mit unbegreiflicher Meisterschaft bedient hat. Wäre es angesichts solcher Meilensteine wie der „Brandenburgischen Konzerte“ oder des „Wohltemperierten Klaviers“ auch viel zu kurz gedacht, in ihm vor allem den Schöpfer geistlicher und weltlicher Kantaten zu sehen, ist es andererseits kaum möglich, beim Wort „Kantate“ nicht augenblicklich an den größten aller Thomaskantoren zu denken. Dass das Kapitel „Bachkantate“ mit Johann Sebastian jedoch keineswegs abgeschlossen ist, zeigt ein neues Album der Berliner Barock Solisten. Unter dem Titel „Kantaten der Bach-Familie“ tritt darauf das Zentralgestirn der Musikerfamilie in Dialog mit seinen Nachkommen.
Eine Art Familienalbum, das die vor 25 Jahren gegründeten Barock Solisten unter ihrem Künstlerischen Leiter Reinhard Goebel – Geiger, Gelehrter und als Pionier der historischen Aufführungspraxis eine Art Nationalmonument – hier aufschlagen. In ihren jeweiligen Handschriften erzählt es die unterschiedlichen Reisegeschichten der Söhne, die es nicht nur künstlerisch, sondern auch geografisch vom dominanten Vater wegtrieb; nach Berlin etwa, wie Carl Philipp Emanuel an den Hof des Preußenkönigs Friedrich II., oder in die westfälische Abgeschiedenheit Bückeburgs, wo Johann Christoph Friedrich, der viertgeborene Sohn aus zweiter Ehe, in schaumburg-lippischen Diensten zwar nicht den Glamour einer königlichen Residenz, dafür aber eine erstklassig aufgestellte Hofkapelle vorfand. Mit ihr führte er auch die um 1770 entstandene, rund 20-minütige Kantate „Pygmalion“ auf, die auf der CD einen zentralen Platz einnimmt.
„Für mich persönlich rankt sich die ganze Platte um ‚Pygmalion‘, ein absolut hörenswertes Stück“, sagt Reinhard Goebel, und man weiß: Wenn er in einem so werbenden Tonfall aufsetzt, kann es sich nur um ein Meisterwerk handeln. Nicht umsonst nennt ihn Raimar Orlovsky eine „Ikone unter den Trüffelschweinen“. Der Geiger Orlovsky ist nicht nur Mitgründer der Berliner Barock Solisten, sondern auch derjenige, der Goebel mit dem Ensemble zusammengebracht hat. „Nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Rainer Kussmaul (gestorben 2017, Anm. der Red.) war uns klar, wie wichtig eine prägende künstlerische Persönlichkeit ist“, sagt Orlovsky, der sich noch bestens an seine erste Begegnung mit dem „Schallplattenidol meiner Teenie-Zeit“ erinnern kann. Sie mündete in einen Vertrauensbeweis, wie er größer kaum sein könnte, als ihm Goebel im Anschluss an eines der letzten Konzerte seiner legendären Formation „Musica Antiqua Köln“ ein Paket mit originalem Notenmaterial zukommen ließ.

Glanz aus verstaubtem Notenstapel

Bald ergab sich eine Freundschaft und 2014 schließlich, im Jahr des 300-jährigen Komponisten-Jubiläums, die Möglichkeit für eine CD-Produktion mit Werken Carl Philipp Emanuel Bachs. Einige Projekte später schließt sich nun, nachdem Reinhard Goebel 2018 die Künstlerische Leitung der Berliner Barock Solisten übernommen hatte, der Kreis mit weiteren Werken der Bachfamilie. „Ich vermittle, was die Wissenschaft neu hergibt und kombiniere dann ‚neue‘ Stücke mit bekannten“, erläutert der akribische Forscher und Durchdringer Goebel seine Arbeitsweise. „Neben ‚Pygmalion‘ tauchte dann, wie der Zufall es wollte, diese Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Kantate auf“ – gemeint ist das Frühwerk „Ich bin vergnügt mit meinem Stande“, deren Material erst vor Kurzem aus einem verstaubten Notenstapel im Archiv einer sächsischen Dorfkirche geborgen werden konnte und das Programm auf sinnreiche Weise ergänzt. Von ähnlich apokryphem Charakter sind zwei Sinfonien Carl Philipp Emanuels und Wilhelm Friedemanns, die ebenfalls als Weltersteinspielung auf dem neuen Album zu finden sind.
„Mit ihnen war der Kuchen fertig“, sagt Reinhard Goebel, „und es fehlten nur noch die Kerzen.“ Die setzt der altvordere Johann Sebastian persönlich auf, mit seiner im Gegensatz zum restlichen Programm wohlbekannten Kantate „Ich habe genug“ BWV 82 in der abschließenden Fassung aus den letzten Lebensjahren des Komponisten. Mit ihrer reinen Streicherbesetzung und dem fehlenden Chor passt sie ideal zu den übrigen Stücken – und zum Organ des Baritons Benjamin Appl, der den vokalen Part übernimmt. „Er ist eigentlich der Nukleus dieser Platte“, sagt Reinhard Goebel, der die feine, liedhafte Stimme des Sängers außerordentlich schätzt. Gerade im Zusammenhang mit der „Pygmalion“-Kantate des „Bückeburger Bachs“. „Seit 20 Jahren habe ich dieses Stück im Repertoire“, verrät er, „aber immer habe ich es zurückgehalten, weil ich den richtigen Sänger dafür nicht gefunden hatte.“ Das hat sich nun Gott sei Dank geändert.

„Kantaten der Bach-Familie“

Benjamin Appl, Berliner Barock Solisten, Reinhard Goebel

hänssler CLASSIC/Naxos


Modern historisch

1Dass man Alte Musik auch auf modernen Instrumenten authentisch spielen kann, beweisen die Berliner Barock Solisten seit mittlerweile 25 Jahren. Gegründet wurde das Ensemble von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker, darunter deren damaligen Konzertmeister Rainer Kussmaul, der das Ensemble bis 2010 leitete. 2014 arbeiteten die Berliner Barock Solisten erstmals mit Reinhard Goebel zusammen. Der Geiger gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten der historisch informierten Aufführungspraxis, vor allem mit seinem Ensemble Musica Antiqua Köln hat er zwischen 1973 und 2006 manch unbekannten Komponistennamen ins Bewusstsein der Musikwelt zurückgeholt.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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