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(c) Uwe Arens

Hille Perl und Andreas Arend

Schöne Verschmelzung

Gambe und Laute treffen auf diesem Album mit englischer Barockmusik aufeinander – es reicht vom schlichten Folk Song bis zur virtuosen Violinsonate.

RONDO: War es ein Experiment, ob Folk Songs und Balladen sich mit der damaligen „Kunstmusik“ gut ergänzen lassen?

Andreas Arend: Mir war absolut klar, dass das funktionieren muss. Diese Kunstmusik trägt ja ganz viele Elemente aus der Volksmusik in sich. Wie man sieht an dem Lied „‘Twas within a furlong“ von Henry Purcell. Oder auch „A Love Song“ von John Blow hat diesen Gestus des Volksliedhaften.

Hille Perl: Ich glaube tatsächlich, dass es dieses Bewusstsein für verschiedene Genres in dieser Zeit nicht gab. Damals haben sehr viele Menschen aktiv Musik gemacht und diese Balladen waren unglaublich verbreitet durch die gedruckten Sheets. Jeder kannte sie. Und wann immer man sich traf, haben die Leute Musik zusammen gemacht. Auf ganz unterschiedlichen Niveaus und mit unterschiedlichen Ansprüchen. Ich glaube nicht, dass man damals zwischen populärer Musik und Kunstmusik unterscheiden konnte oder wollte. Wir machen das eigentlich heute auch nicht mehr. Die strenge Trennung ist eher der Geist des 19. Jahrhunderts.

RONDO: Das heißt, diese Genres sind relativ benachbart und unterscheiden sich höchstens darin, dass die Kunstmusik etwas kunstvoller ausgeführt werden konnte?

Arend: Ja, und in England war es auch so, dass die Kunstmusik gern französische und italienische Elemente aufgenommen hat. Wie man an dem Namen Durfey sehen kann, einer der Textdichter, der sich aber d’Urfey nannte.

Perl: Es gab damals eine große Durchlässigkeit. Wir beziehen uns mit dem Album in vielerlei Hinsicht auf Shakespeare’s „Sommernachtstraum“, der nahelegt, wie damals die Stände miteinander in Verbindung waren. Die Handwerker spielen ein Theater im Theater, dann ist da plötzlich die Königin und eigentlich geht es um eine adelige Hochzeit, bei der alles durcheinanderkommt. Wir unterschätzen, dass damals die strikte gesellschaftliche Trennung nicht so ausgeprägt war wie später.

RONDO: Wie habt Ihr diese Literatur gefunden? Gibt es Sammlungen der Folks Songs?

Arend: Es gibt Sammlungen und es gibt Arrangements. Es gibt aber auch den Schatz, den man mit sich herumträgt. Viele Lieder entstammen bei mir diesem Schatz, wie „I will give my love an apple“. Das Lied kenne ich seit meiner Kindheit! Oder „Drink to me only with thine eyes…“ Das habe ich im Schulchor gesungen! Das sind solche Melodien, wenn man die ein Leben lang behält, dann merkt man, die haben irgendwas mit einem zu tun.
Inwiefern wurde umarrangiert?

Perl: Die Geigensonate zum Beispiel oder „The Division“ von Simpson, die haben wir unverändert übernommen. Bei den Balladen war es wichtig, dass das Arrangement für unsere Besetzung optimal zusammenschmilzt. Andreas hat das bei jeder Ballade angepasst, oder?

Arend: Ja, bei allen Volksstücken, und manchmal ist es sogar auf Purcell übergeschwappt. Aber ein Stück blieb unbearbeitet, nämlich „Music for a while“. Und was alle Balladen übrigens verbindet, ist, dass sie alle einen Quintsprung haben.

RONDO: Aufwärts oder abwärts?

Arend: Mal aufwärts, mal abwärts…

RONDO: Ist das eigentlich Musik, die zeitlich eng beieinander liegt?

Perl: Für uns stellt sich die Frage nicht so. Wenn wir empfinden, dass es eine Verbindung gibt zwischen den Stücken, dann ist uns eigentlich ganz egal, wann das geschrieben wurde. Wir spielen es ja jetzt! Für uns ist es immer neue Musik! Man nähert sich einem überlieferten Material mit dem Respekt, herauszufinden, in welchem Kontext dieses Stück entstanden ist. Und wenn wir das herausgefunden haben, dann nehmen wir das und bringen das in unseren Kontext und spielen das Stück im 21. Jahrhundert.

RONDO: Wie hoch ist der Anteil an improvisatorischen Momenten?

Arend: Die improvisatorischen Momente nehmen auch Bezug auf das historische Gerüst. Aber durch das Improvisieren haben wir sozusagen auch dieses Erleben im Moment. Es ist ein Versuch, das auf die Spitze zu treiben.

RONDO: Eben war die Rede von französischen und italienischen Einflüssen. Ist das trotzdem spezifisch englische, britische Musik? Oder europäische Musik?
(Beide lachen)

Arend: Da ist einmal diese Ebene der pentatonischen Melodien. Die sind typisch für die britischen Inseln. Und dazu gehört auch, was man schon damals als typisch britisch empfunden hat, nämlich diese ganze Geschichte mit den Elfen, Titania und so weiter. Dazu das Instrumentarium, das ist sehr britisch. Und besonders britisch ist auch, dass das Ausländische da ist! Purcell wäre nicht Purcell ohne französische Musik.

Perl: Da sind wir auch wieder bei Shakespeare: Das ist ein europäischer Geist. Shakespeare hat europäische Geschichten geschrieben, etwa „The Merchant of Venice“ oder „Hamlet“, „Romeo und Julia“ spielen ja alle nicht in England. Damals beschäftigte man sich mit anderen Kulturen. Die nationalen Stile sind ja in dem Moment interessant, wo sie auf etwas anderes treffen! Oder eine Melange entsteht. In England gab es im 16.und 17. Jahrhundert großen italienischer Einfluss. Das Bewusstsein, dass die Vermischung der Stile eine große Chance ist, war sehr ausgeprägt in England.

„ballads within a dream“

mit Hille Perl, Andreas Arend

dhm/Sony


Traum-haft

1Das Album „Ballads within a dream“ (Balladen in einem Traum) vereint britische Barockmusik quer durch die Genres: von Folks Songs über Balladen, Lieder von Purcell, Lute Songs bis hin zu virtuoser Streichermusik und Improvisationen für Theorbe. Rund um die Gambistin Hille Perl finden sich Andreas Arend (Laute), Veronika Skuplik (Geige) und Clare Wilkinson (Mezzosopran) in unterschiedlichsten Besetzungs-Kombinationen zusammen. Die Dramaturgie des Albums orientiert sich thematisch und atmosphärisch an Shakespeare’s Sommernachtstraum. Ein weiterer Themenstrang des Konzeptalbums sind italienische und französische Einflüsse insbesondere auf die britische Instrumentalmusik.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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