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(c) Marco Borggreve

Klara Min

Schumann, fan-Tastisch

Die koreanische Pianistin hat ein kontrastreiches Album mit literarisch inspirierten Werken von Robert Schumann eingespielt.

Der erste Interview-Versuch über Skype geht schief. Durch ein Missverständnis erwische ich Klara Min in New York auf dem Weg zum Flughafen. Wir vertagen uns auf einen gemütlichen Sonntagnachmittag zwei Tage später. Inzwischen in Seoul hat Klara Min sich in die Wohnung ihrer Schwester zurückgezogen, ihr winziger Hund Coco stolziert gelegentlich durchs Bild und knurrt unwirsch. „Ich muss jetzt vierzehn Tage in Quarantäne bleiben“, erzählt sie. Mittels einer App muss sie jeden Tag ihre Gesundheitsdaten überprüfen, die App würde auch merken, wenn sie sich aus dem Haus begeben würde. „Ich bin track-bar“, sagt sie gleichmütig.
Klara Min stammt aus einem musikalischen Elternhaus, ihre Mutter ist Komponistin und Pianistin. „Als ich Kind war, habe ich natürlich pausenlos Musik gehört, denn sie gab Klavierstunden. Musik war immer da. Aber meine Mutter hat mich nie unterrichtet, sie wollte das nicht.“ Die Mutter war skeptisch und wollte die Tochter nicht ermutigen, Pianistin zu werden. „Es war dann meine Entscheidung. Offiziell habe ich erst mit fünfzehn Jahren angefangen, richtigen Unterricht zu nehmen. Das ist wirklich sehr spät. Aber vorher habe ich Klavierspielen vom Hören gelernt. Ich habe mich selbst unterrichtet. Denn es war völlig natürlich für mich. Ich weiß aber wirklich nicht, wie ich lernte, Noten zu lesen.“
Die Familie war nach Japan übergesiedelt, und eines Tages kam Besuch von einer koreanischen Tante, die Klara vorschlug, auf eine spezielle Musikerschule zu gehen. „Ich sagte meiner Mutter, dass ich Klavier studieren will. Sie sagte: Bist du sicher? Du weißt, das ist kein leichter Weg, das ist hart!“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Klara Min bereits beschlossen, Pianistin zu werden.
Gefragt nach dem alles entscheidenden, prägenden Musikerlebnis, nennt sie eine Aufführung von Giuseppe Verdis „La Traviata“. „Ich bin mit etwa fünfzehn Jahren tatsächlich allein in die Oper gegangen. Und ich war so berührt von dem ganzen Drama und der Musik, dass ich weinen musste. Und als prägend erinnere ich noch einen Auftritt von Ivo Pogorelich. Als Zugabe spielte er Chopins Scherzo Nr. 2, das ist immer noch unvergesslich für mich.“
In ihrer Studienzeit war Klara Min auch sehr fasziniert von Glenn Gould, besaß alle seine Aufnahmen. „Vor allem seine Bach-Interpretationen. Seine ganze Persönlichkeit, das Besessene daran hat mich fasziniert.“
Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die Pianistin mit siebzehn Jahren, auch das ist relativ spät. Auf dem Programm stand Chopins Sonate Nr. 3 – „ein sehr schweres Stück“, Beethovens vierte Sonate und ein Präludium nebst Fuge von Bach. Befragt nach pianistischen Vorbildern kommt wie aus der Pistole geschossen: „Alfred Cortot. Ich bin kein großer Fan von Rubinstein oder Horowitz. Ich schätze auch Wladimir Sofronitzky sehr, vor allem, wenn es um Skrijabin geht. Ich liebe Cortot, weil er einen so unverwechselbaren Klang hat. Man hört eine Aufnahme und weiß sofort: Das ist Cortot!“

Zwischen Paris und New York

Klara Mins Fokus liegt bislang im romantischen Repertoire. Das sei einfach so passiert und keine Frage ihrer Entscheidung gewesen, sagt sie. „Natürlich liebe ich diese Komponisten, aber ich liebe auch Johann Sebastian Bach. Aber wenn es um Beethoven geht: Ich denke, ich bin eher eine Mozart-Interpretin. Ich schätze Beethoven wirklich sehr! Aber er ist nicht wirklich in mir.“
Vor Corona lebte die Pianistin abwechselnd in Paris und New York. Zwei Städte, die verschiedener kaum sein könnten. „New York hat mich wachsen lassen. Ich bin dort eine Überlebenskünstlerin geworden, ich habe gelernt, stark zu werden und meine Stimme zu erheben. Ich war ein sehr introvertiertes, schüchternes Mädchen, als ich das erste Mal in New York ankam. Jetzt weiß ich, was ich will und was ich sagen möchte.“
Aber zugleich sei es nicht einfach, in dieser brodelnden Stadt ein normales Leben zu führen. „Ich denke, dass eine gewisse Normalität sehr wichtig ist für einen Künstler. Das klingt vielleicht ein bisschen langweilig, aber das ist ein sehr, sehr wichtiger Punkt.“
Trotz der angestrebten Normalität mit ihren Routinen ist ihr Arbeitsalltag ziemlich ungewöhnlich für eine Pianistin ihres Rangs: „Ich übe sehr, sehr unregelmäßig. Manche üben jeden Tag fünf Stunden. Das ist definitiv nichts für mich. Manchmal kann ich vor einem Konzert elf, zwölf Stunden am Tag glatt durchüben. Oder eine ganze Nacht lang. Aber wenn ich mich nicht danach fühle, übe ich nicht.“

Warm und niemals simpel

Ihre erste Begegnung mit Schumann war die klassische: Sie hörte die berühmte „Träumerei“ aus dem Album für die Jugend. „Mein Eindruck von Schumann war sehr warm. Es ist so liebevoll, niemals simpel. Dabei ist es einfach, nie extrovertiert, sondern ganz verinnerlicht. Ich verbinde Schumann mit meinem Vater. Er hat auch Jura studiert wie Schumann. Er war verrückt nach Literatur. Mein Vater liebte tatsächlich die deutsche Literatur. Und er schwärmte von deutschen Tugenden: Integrität, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit. Ich denke, Schumann war so.“
Das neue Album ist das erste einer geplanten Reihe von Schumann-Alben. „Dafür habe ich Werke ausgewählt, mit denen ich am meisten vertraut bin. Die ‚Kreisleriana‘ habe ich sehr lange studiert, ‚Carnaval‘ dagegen ist für mich relativ neu. Zwischen beiden liegt eine Welt!“
Neues Repertoire erarbeitet Klara Min so unbelastet wie nur möglich. „Aufnahmen höre ich ganz zuletzt. Ich starte immer mit dem Notentext. Und dann denke ich sehr viel darüber nach, spiele ich es wieder und wieder. Und dann erst höre ich mir Aufnahmen an. Wenn man mit Aufnahmen anfängt, kann es nicht frisch und unmittelbar sein. Es ist wichtig für mich, absolute Freiheit für meine eigene Interpretation zu haben.“
Klara Min hat bewusst keinen Lehrer mehr. Für einen Künstler sei zwar eine intellektuelle Anbindung wichtig und sie habe eigentlich immer einen Mentor gesucht. „Letztendlich bin ich heute aber total unabhängig. Aber wir brauchen immer die Ohren von Kollegen auf Augenhöhe.“
Geboren in Seoul, aufgewachsen in Japan, jetzt lebend in New York und Paris. Wo liegen Klara Mins Wurzeln? „Am vertrautesten ist mir die koreanische Sprache. Aber geschäftlich ziehe ich Englisch vor. Koreanisch ist dafür eine zu emotionale Sprache. Japan ist Teil meiner Jugend, ich fühle mich immer noch sehr verbunden zu Japan. Und ich liebe Deutschland! Ich mag generell alles, was erst einmal exotisch für mich ist. Ich liebe das deutsche Publikum und möchte bald nach Berlin gehen, um ganz in die europäische Musikwelt einzutauchen. In Europa wird Musik ganz anders ernst genommen.“

Schumann

Arabeske, Kreisleriana, Carnaval

Klara Min

Hänssler


Marsch gegen die Philister

1- 2008 gründete Klara Min die „New York Concert Artists and Associates“. Mit dieser Idee hatte sie ein berühmtes Vorbild im Sinn: „Das kommt von Schumann. Ich bin schon seit langer Zeit Schumann-Fanatikerin. Er war Komponist, Pianist, Kritiker und Herausgeber der ‚Neuen Musikzeitung‘. Er war kein Einzelgänger, sondern hat versucht, Musiker miteinander zu vernetzen. Er war sehr human gesinnt. Ich mochte immer schon sehr seine Idee der Davidsbündler. Das war meine Inspiration: Ich wünschte mir eine Gruppe von Künstlern, die sich gegen die Kunstfeindlichkeit des Musikbetriebs verbünden. Wir wollen Kunst nach unseren Entscheidungen organisieren, nicht nach den Wünschen Dritter.“


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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