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(c) Oliver Vonberg

Niklas Liepe

Aria-Update

Nach seinem beeindruckenden „Paganini“-Projekt hat der deutsche Geiger nun Bachs „Goldberg-Variationen“ musikalisch neu belichten lassen.

Bei Bach wird bekanntlich jeder halbwegs neugierige Musiker schnell fündig – und bleibt prompt hängen. Schließlich gibt es keine andere Musik, die so offen ist für stilistisch selbst entlegenste Annäherungen und Neuinterpretationen. Allein die „Goldberg-Variationen“ sprechen da Bände, immerhin hat dieses 30-teilige Variationswerk, das von einer anmutigen „Aria“ ins Leben geschubst wird, längst die Bekanntschaft mit Jazz, Rock, Pop und sogar Hip-Hop gemacht. Zudem gibt es von diesem Opus magnum des Cembalos diverse Bearbeitungen für Orgel, Streichtrio und sogar Akkordeon. So exotisch geht es nun auf dem neuesten Album des Geigers Niklas Liepe zwar nicht zu. Dennoch entpuppen sich seine „#GoldbergReflections“ als eine regelrechte Wundertüte, was den Dialog zwischen der Alten und neuerer Musik angeht. Denn Liepe hat sich nicht nur von seinem Leib-und-Magen-Arrangeur Andreas N. Tarkmann fast die Hälfte der „Goldberg-Variationen“ für Geige, Streichorchester und Cembalo einrichten lassen („Er besitzt ein unglaubliches Gefühl allein für die Klangfarben!“). Zugleich lud Liepe noch befreundete Komponisten und Komponistinnen wie Moritz Eggert, Sidney Corbett und Wolf Kerschek ein, sich von der „Aria“ zu zeitgemäßen Variationen inspirieren zu lassen. Und wie schon bei seinem „New Paganini Project“, mit dem Liepe 2018 für reichlich Aufsehen sorgte, sind Neubelichtungen des Originals herausgekommen, die von verspielt jazzy über weltmusikalisch bis zu atmosphärisch meditativ reichen. „Die Goldberg-Variationen sind für mich schon immer ein ganz wichtiges Stück gewesen“, erläutert der in Göttingen geborene und unter anderem von der Geigenlegende Zakhar Bron ausgebildete Liepe den Background seiner jüngsten Einspielung. „Meine Eltern hatten eine große, bunt gemischte Schallplattensammlung. Und da gab es eben auch die ‚Goldberg-Variationen‘ in der berühmten Aufnahme von Glenn Gould. Nun bin ich halt Geiger und nicht Pianist. Und so kam mir die Idee, die Variationen für mein Instrument bearbeiten zu lassen. Mit Andreas N. Tarkmann habe ich dann eine Auswahl getroffen. Denn nicht alle Original-Variationen eignen sich etwa von den Klangfarben her für die nun gewählte Besetzung. Diese Bearbeitungen haben wir als Grundgerüst für das Album genommen. Und danach habe ich bei Komponisten, die ich teilweise schon vom ‚Paganini‘-Projekt her kannte, angefragt, ob sie nun auch für mein Bach-Album Variationen beisteuern wollen.“

Blumen am Berghain

Die musikalische Ausbeute kann sich mehr als hören lassen. Der amerikanische Komponist und Kontrabassist Daniel Sundy beispielsweise, der seine ersten musikalischen Schritte in Rock- und Heavy Metal-Bands getan hat, steuerte gleich vier „New Goldberg Variations“ mit zum Teil tangoeskem Piazzolla-Appeal bei. Stephan Koncz, im Hauptberuf Cellist bei den Berliner Philharmonikern, schrieb mit „GoldBergHain“ eine leicht neo-minimalistische Pop-„Aria“ im Michael Nyman-Stil. Fragil, zauberhaft und volksmusikalisch gesanglich kommen dagegen die „Lullabies for three flowers“ der griechischen Komponistin Konstantia Gourzi daher. Wobei sich die Bachsche „Aria“ im Vergleich zu den anderen Beiträgen in Gourzis Klangpoemen vielleicht am stärksten auflöst, bis ins Unkenntliche. „Es war aber nicht nur eine Vorgabe an alle Komponisten und Komponistinnen, dass man die Aria irgendwie heraushören sollte“, so Liepe. „Auch an die Besetzung sollte man sich halten.“ Tatsächlich ist es allen gelungen, den barocken Grundklang ins Hier und Jetzt zu übersetzen. Nur der deutsche Komponist Friedrich Heinrich Kern, der schon für Liepes „Paganini“-CD die 11. Violin-Caprice neu bearbeitet hatte, erlaubte sich jetzt in seinen „Reflections on a Dream“ eine kleine klangliche Freiheit. Mit großer Wirkung, wie auch Liepe findet: „Es ist das Verrophone, die Glasharmonika, die jetzt eine ganze neue Farbe hineinbringt. Dadurch fängt diese Musik an zu schweben.“ Überhaupt haben die eingeladenen Komponisten die „Aria“ nicht einfach klangidiomatisch um- und weitergedacht. Immer wieder nimmt man Bezug auf den Entstehungsmythos der „Goldberg-Variationen“, auf den Schlaf, das Träumen, die Nacht. „Sleepless (Goldberg goes crazy)“ hat denn etwa Tobias Rokahr sein Stück getauft, bei dem es wild und hoch hergeht – auch in Liepes Solo-Stimme. Und fast wie ein gespenstisches Wesen flirrt Dominik Dieterles „Schlaflos nach J.S.Bach“ umher – bevor sich Wolf Kerscheks „Goldberg Reflections Aria“ langsam erst im Cembalo in Bewegung setzt und sich dann ein Walking-Bass ins Orchester schmuggelt. Und Niklas Liepe geigt dazu, als hätte er in der Schallplattensammlung seiner Eltern diesmal eine Scheibe vom legendären Stéphane Grappelli entdeckt.

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach u. a.

#GoldbergReflections

Liepe, NDR Radiophilharmonie, Phillips

Sony


Mit Bach durch die Nacht

1Die 1741 gedruckte „Clavierübung / bestehend in einer / Aria / mit verschiedenen Veraenderungen / vors Clavicimbal / mit 2 Manualen“ gilt als die berühmteste Gebrauchsmusik von Johann Sebastian Bach. Denn wie kein zweites Werk von ihm wird diese Komposition, die man besser unter ihrem Titel „Goldberg-Variationen“ kennt, in einem Atemzug mit den psycho-somatischen Unpässlichkeiten seines Auftragsgebers genannt. Zur nächtlichen Unterhaltung des an Schlaflosigkeit leidenden Graf Hermann Carl von Keyserlingk soll Bach das Werk nämlich für seinen Schüler, den Hofcembalisten Johann Gottlieb Goldberg, komponiert haben. Ob das auch stimmt? Schließlich war Goldberg zum Zeitpunkt der Entstehung gerade mal 14 Jahre alt – und wäre damit spieltechnisch doch wohl ziemlich gefordert gewesen.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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