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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Orelon Trio (c) Anna Fiolka

Trio Orelon

First Lady

Das Kölner Klaviertrio Orelon huldigt auf seinem Debüt-Album der amerikanischen Komponistin Amy Beach.

Dass selbst hochbegabteste Musikerinnen zugunsten ihres Gatten und der Pflichten einer Hausfrau zurückstecken mussten, weiß man spätestens aus den Düsseldorfer Tagebüchern von Clara Schumann. Doch auch am anderen Ende der Welt und des 19. Jahrhunderts sah der Alltag von ambitionierten Pianistinnen und Komponistinnen nicht anders aus. Als nämlich 1885 in den USA Amy Beach im Alter von 18 Jahren heiratete, verpflichtete sie sich per Ehevertrag, musikalisch radikal kürzer zu treten. Maximal zwei(!) Konzerte als Pianistin waren ihr fortan gestattet – pro Jahr! Ein ausführliches Musikstudium kam hingegen jetzt erst recht nicht mehr in Frage. Doch erstaunlicherweise schien es für ihren Gatten kein Problem zu sein, wenn sie ihre bis dahin fleißige Kompositionstätigkeit fortsetzt. Und so entstanden in den 1890er Jahren einige Kammermusikwerke, die mit zum ausdrucksintensivsten und melosreichsten gehören, was in jener Zeit auch diesseits des großen Teichs zu Notenpapier gebracht worden war. Dazu zählt etwa eine „Romanze“ für Violine und Klavier, die mit ihrem elegischen Zauber jedes Herz umgarnt. Und die drei Jahre später, 1896 entstandene, viersätzige Violinsonate muss sich keinesfalls vor dem Rhapsodiker Johannes Brahms verstecken. Der Name und das Werk der 1867 in New Hampshire als Amy Marcy Cheney geborenen Komponistin waren bisher eher Insidern ein Begriff. Das dürfte sich ab sofort ändern. Denn das Kölner Klaviertrio Orelon hat für sein erstes Album nicht allein ausschließlich Kammermusikwerke dieser amerikanischen First Lady der Musik ausgewählt. Zusammen mit der Romanze, der Violinsonate, „Drei Stücken“ für Violine und Klavier sowie einem Klaviertrio von 1938 haben Judith Stapf (Violine), Arnau Rovira i Bascompte (Violoncello) und Marco Sanna (Klavier) hier zugleich vier absolute Meisterwerke und damit eine großartige Visitenkarte einer sträflich übersehenen Komponistin zusammengestellt.
Zeitgleich mit dieser Einspielung startet man aber auch das Projekt „Beethovens Töchter“ auf Tonträger. Dahinter verbirgt sich die Idee, endlich auch die weibliche Lesart der Musikgeschichte näher zu beleuchten. Wer sich das Repertoire des 2018 gegründeten und gerade erst beim Frankfurter „Schumann-Kammermusikpreis“ ausgezeichneten Trios anschaut, der stellt fest, dass dieses bereits mit zahlreichen Werken von Komponistinnen im Handgepäck aufwarten kann. Dazu gehören etwa Cécile Chaminade, Ethel Smyth, Emilie Mayer, Louise Farrenc und Dora Pejačević.
Sie alle sind auf ihre ganz eigene, klangsprachliche Weise vom Werk und vor allem vom Fortschrittsgeist Ludwig van Beethovens geprägt. Und auch Amy Beach soll schon in ganz jungen Jahren mit Beethoven in Berührung gekommen sein. So machte sie ihrem Ruf als Wunderkind bereits als Siebenjährige alle Ehre, als sie Beethoven-Lieder sang. Und wenngleich sie dann schon bald zum Klavier wechselte und eine gefeierte Pianistin wurde, führte sie nicht nur Beethoven auf, sondern komponierte gar für das c-Moll-Klavierkonzert auch eine Kadenz. 1944 starb Amy Beach im Alter von 77 Jahren in New York. In ihrer Heimat wird sie bis heute nicht zuletzt wegen ihrer Pioniertaten auf dem Gebiet der Emanzipation und für ihre Initiative für die „Association of American Women Composers“ verehrt. Das Trio Orelon feiert hingegen jetzt die Komponistin – zu Recht.

Neu erschienen:

Amy Beach

Kammermusik

Trio Orelon

Da Vinci/hm-Bertus

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Guido Fischer, 20.08.2022, Online-Artikel



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