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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Jacques Offenbachs „Hoffmanns
Erzählungen“ in der Regie von Krzysztof Warlikowski (c) Bernd Uhlig, La Monnaie De Munt

Griechische Nationaloper Athen

Volles Programm

In Athen findet man im Spielplan nicht nur viel Italienisches und manch Zeitgenössisches – sondern auch griechische Operetten.

Rigoletto als betrogener Betrüger zwischen Nutten und ziemlich starken Frauen. Der Herzog – ein widerlicher MeToo-Grabscher. Und Gilda, ein eigentlich patentes Mädel, wird hier zum Opfer einer unmöglichen Liebe, bleibt aber stark bis in den Tod. Zwischen den vieltausendjährigen Steinen des Irodion oder Herodes-Atticus-Theaters ereignet sich Giuseppe Verdis populärste Oper als buntpralles Spektakel für das Volk, aber auch als intelligentes Regietheater mit reputierlichen Sängern. Inszeniert hat das eine Frau, Katerina Evangelatos, Direktorin des Athens Epidauros Festivals und Nichte der einst in München beliebten Mezzosopranistin und Hochschulprofessorin Daphne Evangelatos.
Das Theaterfestival in Epidauros hat sich schon seit längerem mit dem seit 1955 abgehaltenen Athens Festivals zusammengetan. Darin sind die regelmäßigen Freiluftaufführungen der griechischen Nationaloper (GNO), Europas südöstlichstem Opernhaus, immer Höhepunkte. Und für das Musiktheater zugleich eine gute Gelegenheit, andere Schichten als ihr Stammpublikum anzusprechen.
Obwohl sie auch in ihrem Stammhaus inzwischen ganz anders aufgestellt ist als vor 2017. Denn in diesem Jahr, mitten in der Wirtschaftskrise zog die 1939 gegründete Institution in ein spektakuläres Renzo-Piano-Gebäude nicht weit weg von Piräus um, mit fantastischem Blick auf die Bucht von Faliro, auf Salamis und bei gutem Wetter Ägina. Die Menschen füllen den Kunst- und Wissenskoloss namens Stavros Niarchos Foundation Cultural Center (SNFCC) mit Leben. In warmem, typischem Renzo-Piano-Rot gehalten sind die Sitze und die Holzverkleidung aus amerikanischem Kirschbaum im intimen, aber auch großzügigen Zuschauerraum mit seinen 1400 Sitzen, der nüchtern und doch festlich wirkt.

Zusammenspiel der Künste

Man findet im Spielplan natürlich viel Italienisches, aber eben auch Zeitgenössisches – und griechische Operetten, von denen es eine ganze Menge gibt. Und die Opernmannschaft tut alles, dass dies so bleibt, auch in der Spielzeit 2022/23.
Besonders gern sucht man inzwischen den Dialog mit anderen Künsten, mit dem Tanz, dem Theater, gern aber auch mit dem Film. So hat hier der bedeutende griechische Kinoregisseur Yorgos Lanthimos („The Lobster“, „The Killing of a Sacred Deer“, „The Favourite“) in der letzten Saison eigens einen 20-minütigen Stummfilm mit Emma Stone zu klassischen Orchesterklängen realisiert. Ähnlich Grenzüberschreitendes verspricht jetzt ab 27. September die Klangperformance „Andrei: Ein Requiem in acht Szenen“ von Dimitra Trypani, die sich als zeitgenössische Begräbnisliturgie für den großen Filmemacher Andrei Tarkovsky versteht.
Traditionelle Oper gibt es dann ab dem 21. Oktober mit Mozarts „Don Giovanni“, den Ondrej Olos dirigiert und John Fulljames bereits für die Opernhäuser in Göteborg und Kopenhagen inszeniert hat. Die in einem Hotel spielende Produktion wurde im Dezember 2021 ohne Publikum gefilmt und auf dem Online-Fernsehkanal der Griechischen Nationaloper (GNO TV) gezeigt. Ab 18. Dezember ist in einer Brüsseler Produktion von Krzysztof Warlikowski Jacques Offenbachs „Les contes d’Hoffmann“ zu sehen. Lukas Karytinos steht am Pult, Nicole Chevalier singt alle Frauenfiguren in dieser Hommage an das Kino. Giuseppe Verdis dicker Ritter auf Freiersfüßen, „Falstaff“ treibt ab dem 26. Januar unter dem Stab von Pier Giorgio Morandi sein Unwesen. Stephen Langridge, Chef des Glyndebourne Opera Festivals und in Athen kein Unbekannter, inszeniert. Die griechischen Stars Dimitri Platanias und Tassis Christoyannis sind unter den Sängern.
Halb neu, halb alt ist das Operndoppelpack zweier 1918 uraufgeführter Werke, über dem sich ab dem 9. März im Stavros-Niarchos-Saal der Vorhang hebt und die Vassilis Christopoulos dirigiert. Die Ehetragödie „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók deutet Themelis Glynatsis neu, Giacomo Puccinis beim Publikum beliebte Erbschleicher-Farce „Gianni Schicchi“ kehrt in der Regie von John Fulljames zurück.
Eine Wiederaufnahme ist auch Jules Massenets „Werther“ ab dem 23. März unter Jacques Lacombe in der Regie des langjährigen GNO-Chefs Spyros Evangelatos. Besonders wird sie freilich durch die Sänger: Francesco Demuro singt die Titelrolle und als Charlotte ist erstmals Mezzosuperstar Anita Rachvelishvili zu erleben.
Besonders wichtig ist der GNO auch eine Neuproduktion von Luigi Cherubinis „Médée“, schließlich ist das griechischer Mythosbesitz, berühmt geworden durch Maria Callas. Die ab dem 25. April gespielte Inszenierung von David McVicar ist im Herbst bereits an der New Yorker Metropolitan Opera zu sehen und reist noch zur Canadian Opera Company in Toronto und der Lyric Opera of Chicago. Philippe Auguin steht beim Titelrollendebüt von Anna Pirozzi am Pult.
Als Freiluft-Produktionen im Odeon des Herodes Atticus sind ab dem 1. Juni Puccinis „Madama Butterfly“ in einer Neuinszenierung von Olivier Py und mit Vassilis Christopoulos im Graben sowie als Wiederaufnahme Giuseppe Verdis „Nabucco“ (Dirigent: Paolo Carignani, Regie: Leo Muscato) ab dem 26. Juli im Programm.
Zudem zeigt das Ballett ab dem 26. November einen neuen „Don Quixote“ von Thiago Bordin nach Marius Petipa, als Wiederaufnahme gibt es ab dem 15. Februar 2023 „3 ROOMS“, einen Tanz-Triptychon mit Choreografien von Jiří Kylián, Ohad Naharin und Konstantinos Rigos. Im Rahmen ihres Mikis-Theodorakis-Konzertzyklus gibt es an der Griechischen Nationaloper am 2. Oktober dessen Sinfonie Nr. 2 „Das Lied der Erde“ sowie am 5. Oktober „March of the Spirit” und Lieder mit der legendären Sängerin Maria Farantouri zu hören. Und am 30. März 2023 heiß es unter Einbeziehung vieler Schüler „Auf den Spuren von Mikis Theodorakis durch die Zeit“.

www.nationalopera.gr/en/

Die Reise zum Mond

Ernst und wichtig genommen werden an der GNO auch die jüngeren Zuschauer von morgen. Für sie gibt es ab dem 11. November erneut die Familienoper „The Magic ­Pillows“ nach einem Roman von Eugene ­Trivizas zur Musik von George Dousis. Und Offenbach für alle Alterstufen bietet ab dem 12. Juli die Koproduktion mit der Pariser Opéra Comique „Le voyage dans la lune“ in der Inszenierung von Laurent Pelly.

Matthias Siehler, 17.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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