Eine dysfunktionale Familie, die sich bei Mutters Beerdigung wiedersieht. Ein schwuler Sohn, der mit dem Mann seiner Schwester was hat. Ein Patriarch, der nicht lieben kann. Alles verpackt in Dialoge, die trivial und tiefgründig sind, bloßgelegt an Orten, die archetypisch anmuten: beim Bestattungsunternehmer, im elterlichen Haus zwischen den Kindheitsmustern als Erinnerungsstücken in Kisten, im Garten der Mutter, wo Versöhnung aufscheint. Das sind Themen, die so zeitgenössisch wie opernhaft anmuten, die bekannt sind aus amerikanischen TV-Serien, auch als DNA klassischer US-Stücke. Und die auch in einer Oper verhandelt werden, die 35 Jahre alt ist und nie richtig auf die Beine kam: Leonard Bernsteins „A Quiet Place“. Der Komponist wollte sie als seriöse (autobiografisch unterfütterte) Vollendung seiner Bühnen-Amerikana sehen, in der urspürglichen Version war zudem als Rückblende das sarkastische Familienbild „Trouble In Tahiti“ eingewoben worden.
Später hatte Bernstein das Intermezzo weggelassen. Inzwischen ist „A Quiet Place“ für ein Kammerensemble eingedampft und auf 90 Minuten geschrumpft. Abgesegnet vom Leonard Bernstein Office, das Interesse daran hat, dass die Werke gespielt werden. Die Uraufführung dirigierte seinerzeit Kent Nagano (der kurzzeitig bei Bernstein gelernt hat) 2013 in Berlin; er stand auch bei der hier vorliegenden Einspielung am Pult, diesmal seines Orchestre symphonique de Montréal. Und die sinnfällige Version, die Stephen Wadsworths verplappertem, aber punktgenauem Libretto mehr Raum schenkt und in der die komplexe Musik gekonnte Balance aus Broadway-Rhythmus und modernistischer Klangsprache hält, scheint nun definitiv.
Dieser zwischen Populismus und Sprödigkeit oszillierende Bernstein ist vokal ausgeglichen besetzt, wirkt idiomatisch und flexibel, als unerbittliche Dekonstruktion des American Dream ist das hart und nüchtern, kitschig und schräg zugleich. „What a fucked up family“, singen sie. Ja, aber hörenswert, mit Pathos und Swing.

Matthias Siehler, 25.08.2018



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