Vor Belcanto haben alle Bammel. Doch einige Aufnahmen gibt es, und keine schlechten, gerade von Gioachino Rossinis „Semiramide“, jenem 1823 in Venedig uraufgeführten Mount Everest der Rouladen, Fiorituren, Vorschläge, Terz- und Sextenparallelen. Hier resümiert ein erfahrener Komponist in seiner letzten italienischen Oper sein Können als vierstündige Formel-Eins-Strecke der Koloraturkunst. Natürlich ist uns heute die Ästhetik dieses (eine Voltaire-Tragödie ausbeutenden) Rührstücks fern. Sie wird aber sublimiert durch die souverän errichtete Architektur von nur 13 Einzelnummern.
Der wärmere Klang des Alte-Musik-Ensembles Orchestra of the Age of Enlightenment allein macht diese vier CDs kaufenswert, besonders mit Mark Elder am Pult. Der formt bereits die 11-minütige Ouvertüre nach seinem Belcantobild, lässt es im Folgenden flexibel weich federn, hat Atem und poetische Dispositionskraft. Die slawisch herb tönende Semiramide Albina Shagimuratova verblendet ihre Höhe exakt und gleist mit dramatischen Spitzentönen bis zum hohen E. Schön mischt sich ihr Timbre mit dem hier Best-Ager-Arsace der immer noch versatil in die Tiefe gluckernden Daniela Barcellona. Der Assur Mirco Palazzis ist ein schmieriger Schurke mit beweglich-leichter Bassgewalt. Als indischer Prinz Idreno bewältigt der kurzfristig eingesprungene, ebenfalls nicht mehr junge Barry Banks seine zwei fast unsingbaren Arien. Gianluca Burattos Priester und Susana Gaspars nur Stichworte liefernde Azema sind überdurchschnittlich gut.

Matthias Siehler, 10.11.2018



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