Ausgerechnet der sonst so konzeptstrenge Regisseur Claus Guth serviert Operetten zart. So auch die Königin der Gattung: Franz Lehárs „Lustige Witwe“, herausgekommen 2018 und mitgeschnitten als süffige wie schlüssige Filmdreh-Parodie an der Oper Frankfurt. Der namenlose Regisseur (Klaus Haderer), der auch den Spielmacher Njegus gibt, hat alle Hände voll zu tun, seine emotional aufgewühlte Truppe zusammenzuhalten. Marlis Petersen hält ihre elegante, auch elegische Hanna wunderbar in der Schwebe. Sie singt diese gebrochene Figur entsprechend: mit fadenfeiner Höhe, irreal schwerelos, dann wieder mit realistisch zupackendem Klang in hysterisch überdrehter Tanzrevue. Großartig ist Iurii Samoilov als baritoncremiger Strizzi, ein Frauenverführer und -verächter, der vor sich selbst ins Maxim‘s flieht. Martin Mitterrutzer bleibt als Rossillon der ölige Frackträger mit geschmeidigem Tenor, Elizabeth Reiter muss ihre Valencienne mit grotesker Fröhlichkeit als brachialknallige Soubrette markieren. Joana Mallwitz am Pult kann es präzise zackig, ja grell knallig, sie lässt aber auch fein abgeschmeckt die Geigen schmalzen und walzerselig schluchzen, das Holz dudeln, dass es eine intelligente, klangfeine Operettenfreude ist. Bisweilen scheint die Zeit stehen zu bleiben, nur ein überlautes Metronom lässt die Sekunden vertickern. So wechseln sich gespielte Partyfreude und Herzeleid ab. Und so rangiert diese Frankfurter Operettentat weit über dem Dreiviertel-Takt-Durchschnitt, obwohl es eine eher melancholiesatte statt lustige „Witwe“ geworden ist.

Matthias Siehler, 24.08.2019



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