Veröffentlichungszufall: Diese beiden, eben auf CD herausgekommenen Rossini-Opern genießen keinen sonderlich guten Ruf. Doch dagegen kann man ja anmusizieren. So wie in beiden Aufnahmefällen geschehen. „Sigismondo“, die 13. von 39 Rossini-Opern, wurde seit 1813 kaum mehr szenisch aufgeführt. Aber 2018 konzertant in einem Münchner Rundfunkkonzert. Das schlechte Libretto vermanscht eine mittelalterliche Legende um einen misstrauischen König, der einen Intriganten seine Gattin erst verleumden, dann angeblich ermorden lässt. Darüber wird er dann wahnsinnig. Robert Schumann hat das Thema in seiner „Genoveva“ verwendet, Rossini hat es in ein damals modisches imaginäres Polen verlegt. Musikalisch aber ist das spannend, äußert sich in zerrissenen Arienfetzen, die mehr einer inhaltlichen als einer formalen Logik folgen, in denen Klang bebend Gefühl wird, virtuos diszipliniert und doch stetig aus ihrem Korsett des nur Wohlgefälligen ausbrechend.
Da prallen Koloraturkulinarik und Laborversuch unmittelbar aufeinander, was Keri-Lynn Wilson am Dirigierpult klug herausarbeitet. Marina Pizzolato ist in ihrer Wahnsinnshosenrolle mezzogut und verzierungsfest, bei Hera Hyesang Parks Aldimira wird Seelennot gläserne Koloratur, Kenneth Tarver als fieser Ladislao unterläuft mit fast zu feinem Tenorstahl dessen Bosheit.
Der amerikanische Tenor veredelt auch als strenger Vater die in Schweden spielende, in Bad Wildbad aufgezeichnete Oper „Eduardo e Cristina“. Bei der Uraufführung in Venedig 1819 ein grandioser Erfolg, wurde sie seither aber nicht mal in Pesaro gespielt – denn sie ist „nur“ ein Pasticcio, aus noch mehr Selbstanleihen als sonst von Rossini schnell zusammengenäht. Gianluigi Gelmetti macht am Pult der Virtuosi Brunensis seinem Ruf als Rossini-Spezialist alle Ehre. Das harmonisch duettierende Liebespaar ist mit der dramatischen Silvia Dalla Benetta als Cristina und der beweglichen Laura Polverelli als Eduardo bestens besetzt.

Matthias Siehler, 28.09.2019




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