Seit 2007 steht Daniel Harding nun leitend beim Schwedischen Radio-Sinfonieorchester am Pult, sein Chefdirigentenvertrag läuft bis 2023. Und der schnell aufgeschossene 44-jährige Brite, dessen Karriere dann freilich etwas unstet verlief, scheint sich hier richtig wohl zu fühlen. Er, der sich künftig als Pilot bei der Air France teilverpflichtet hat, schwebt in Stockholm nicht über den Wolken, da wird feste gearbeitet. Das hört man auch auf seiner stetig wachsenden Diskografie mit diesem Ensemble. Und wenn dann auch noch der nach wie vor superbe Schwedische Radiochor dazukommt, dann entsteht bisweilen Großes. So wie jetzt diese protestantisch nüchterne, also passend unverklärte Einspielung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms. Schon die fein gestalteten Eingangsworte des „Selig sind, die da Leid tragen“ überzeugen durch ihre Kraft, Plastizität und Relevanz. Da wissen alle, was sie wollen. Mit Matthias Goerne und Christiane Karg hat man zudem zwei wissend reife, tiefsinnig interpretierende Gesangssolisten mit makelloser Diktion für deren drei Einzelnummern dabei. So schwebt diese Musik frisch, unverkünstelt, aber in jeder Note ernst genommen und auf ihre Relevanz durchgeknetet sehr klar und einfach dahin. Dunkel getönt, aber ohne norddeutsch bräsige Schwermut. Hardings Tempi sind entspannt, und selbst die verminderten Akkorde fühlen sich nie besonders ängstlich an. Das Orchester verzichtet weitgehend auf Vibrato, um eine offene Bühne für den Chor zu schaffen, und der Chor füllt diesen Klangraum sowohl in sensiblen als auch in emphatischen Momenten mit Wärme und Volumen. Einzige Einschränkung: Die Farbpalette hätte trotz der herbstlichen Grundhaltung des Werks doch ein wenig bunter angerührt werden können.

Matthias Siehler, 09.11.2019



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