Das nennt man Konsequenz. Erst war Peter Eötvös einer der Unterzeichner gegen die Fusionierung des SWR Symphonieorchesters Freiburg und Baden-Baden mit dem Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester, dann dirigierte er aber, um dem neuen Klangkörper zu helfen, als erster das kombinierte SWR Symphonieorchester und nahm nun – in der Hamburger Elbphilharmonie – seine erste CD mit ihm auf. Darauf: ein Werk des Protests, lange nicht gehört, 70 Minuten mächtig, alle Radio-Kräfte in Gestalt des plastisch klingenden Orchesters wie des vorzüglichen SWR Vokalensembles plus des WDR Rundfunkchors bündelnd. Dazu ideal wie prominent besetzt mit Camilla Nylund als La Mort und Peter Schöne als Jean-Charles sowie Peter Stein als reflektiert knurrigem Sprecher. Der kündet von der Chronik der überlebensnotwendigen Ereignisse, welches die Schiffsbesatzungsreste auf dem „Floß der Medusa“ bündelt. Nach dem Grammophon-Mitschnitt der Hamburger Generalprobe ist dies die erste, längst überfällige Neueinspielung des legendär kämpferischen Oratoriums von Hans Werner Henze. Der verarbeitete den Untergang der Militärfregatte „Medusa“ auf der Fahrt in den Senegal im Jahr 1816. Die reichen Passagiere bekamen Rettungsboote, 154 Köpfe niederen Volkes mussten auf einem selbstgebauten Floß ausharren, wo schnell und bis hin zum Kannibalismus der Mensch des Menschen Wolf wurde. Nur 15 überstanden das Inferno. Als solches drei Jahre später von Théodore Géricault in eine Bildikone verwandelt wurde, ging in Frankreich der Diskurs los, was aus den Idealen der Revolution geworden war. Ähnlich stritt man in den Post-68er-Jahren über Henzes Che Guevara gewidmetes Musikmanifest, Studentenrevolte und außerparlamentarische Opposition. Das fügt sich – jenseits des damaligen Zeitgeistes – zum stimmig-faszinierenden, skulpturenhaft tönenden Ganzen.

Matthias Siehler, 09.11.2019



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