Die Absicht ist edel und lauter und rein: Der italofranzösische Tenorstar Roberto Alagna möchte mit „Caruso 1873“ die italienische Tenorikone Enrico Caruso ehren. War der doch gleichzeitig mit fast 500 Aufnahmen der erste Plattenpionier der klassischen Musik, seit er 1904 erstmals vor den Trichter trat. Als er 1921 an einer Bauchfellentzündung starb, war er 48 Jahre alt. Alagna zählt inzwischen 56 Jahre, und kann er auf der Bühne noch Charisma entfalten, so klingt die Stimme im Aufnahmestudio inzwischen müde, flach, gellend und ausgeleiert. Als gewiefter Crossover-Interpret mag das im ersten Stück dieser Hommage noch angehen. Luigi Dallas Chansonschlager „Caruso“ singt er mit reifer Raffinesse und melancholischem Farbenspiel. Zumal es etwas opernhaft aufgehübscht wurde. Dann aber gibt es einen nur mit viel Stoizismus anzuhörenden, oft fies verplärrten Parcours durch die nicht ganz so populären Gustostücke von Carusos längst nostalgisch vergilbtem Wachsmatrizen-Repertoire. Da folgt ein wegen der Schellackplattenseitenlänge grotesk verhetztes „Domine Deus“ aus Rossinis Petite Messe solennelle auf tagesaktuelle Arien von Gomes oder Cilea. Französisches wird italienisch gesungen, es wird wacker gekürzt. Die Bassarie aus „La Bohème“, einst ein Insider-Joke, wird vom Tenor gesungen, es gibt Lieder von Tschaikowski und Rubinstein, Scheinheiliges und Barockes. Alagna säuselt im Falsett, Gattin Aleksandra Kurzak darf wenig charismatisch in Duetten mittun. Da steckt viel Recherchearbeit, auch Liebe drin, das Orchestre National d’Île-de-France unter Yvan Cassar müht sich in historischen Arrangements; einen Track gibt es in verrauschter Vintage-Akustik. Spaß, Freude gar, kommt nicht auf. Dann lieber das ehrwürdige Original.

Matthias Siehler, 07.12.2019



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