Die Klage der von Theseus verlassenen Ariadne auf Naxos, sie klingt lange nach – von der antiken Mythologie über das berühmte Lamento als einziges Überbleibsel aus Claudio Monteverdis verlorener Oper von 1608 – bis mindestens hin zum Tragödie und Komödie durcheinanderwerfenden Musiktheater von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Daran knüpft jetzt die amerikanische Mezzosopranistin Kate Lindsey an und bedient sich für ihre jüngste Solo-CD vor allem bei dem reichlich vorhandenen Repertoire an Solokantaten zu dem Thema aus der Barockzeit. Für diese Musikform als „kleine Oper“ für den unterhaltsamen Hausgebrach des Adels eignet sich das Sujet besonders – ist ja auf der „wüsten Insel“ außer dem Echo niemand, welcher der kretischen Prinzessin antworten könnte. Lindsey, ganz hervorragend unterstützt von dem instrumentalrhetorisch so versierten Ensemble Arcangelo unter dem großartigen Jonathan Cohen, mündet zeitlich im einstigen klassizistischen Gustostück großer Primadonnen – der Kantate Joseph Haydns von 1789. Die, als intime Innenschau ursprünglich nur für Klavier gesetzt, ertönt in einer farbenreichen Orchestrierung von Sigismund Neukomm aus dem Jahr 1808. Ganz ohne die voluminöse Stimmausspreizungen sonstiger Diven durchmisst Kate Lindsey diesen bewegten Monolog verinnerlicht und individuell mit ihrem kühl glühenden, androgyn anmutenden Timbre. Mehr der bewährten, vokal virtuosen barocken Affektenlehre folgen die beiden 1707 in Rom entstandenen Arianna-Kantaten Alessandro Scarlattis und des jungen Georg Friedrich Händel. Hier wiederum malt Kate Lindsey vokal mit den farbigen Schattierungen des Südens, lodernd leidenschaftlich, jede Koloratur vibriert vor Emotion und bleibt doch technisch makellos. So hört man einer leidenden Frau gern zu!

Matthias Siehler, 29.02.2020



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