Das Münchner Rundfunkorchester unter seinem aktuellen Chef Ivan Repusic schreitet in seiner Erkundung des frühen Giuseppe Verdi munter voran. Inzwischen ist man bei Folge drei angekommen, dem 1846 in Venedig uraufgeführten „Atilla“. Ähnlich, freilich bahnbrechender und ohrenerweiternder, wie in den Siebzigerjahren Lamberto Gardelli mit seiner Galerie der Galeerenopern aus Giuseppes Fronjahren. Doch was hatte der damals für Vokalstars zur Verfügung! Diese oft krude zusammengezimmerten Meistermachwerke, die neben Routine und dramaturgisch tapsigen Ausbruchsversuchen in mitreißende Melodien ausbrechen, sie brauchen solche. Davon erzählt auch die Diskografie dieser bisher nur zweimal kommerziell eingespielten Risorgimento-Oper, in der die „Geisel Gottes“ als Bedrohung herhalten muss, der der Papst wie das (italienische?) Volk in Gestalt der opferbereiten Odabella auch gegen die missgünstigen Römer widerstehen muss. Das flexible Orchester und der machtvolle Chor des Bayerischen Rundfunks punkten mit federnder Italianità, Ivan Repusic wählt flexible Tempi und begleitet mit metiergerechter Hingabe. Hätte man halt nur bessere Sänger: Steffano La Collas monochromer Tenor genügt für die eindimensionale Rolle des Foresto, Liudmyla Monastyrskas Odabella-Sopran offenbart auf der nur akustischen Bühne schartige Schärfen. Und Bass und Bariton – Ildebrando D’Arcangelo als Hunnenkönig und George Petean als verschlagener Römergeneral Ezio – sie bieten blökende Routine wie temperamentsblassen Schöngesang. Außerdem sind sie im Timbre zu ähnlich, um als Rivalen unterscheidbar zu sein.

Matthias Siehler, 08.08.2020



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