Don Giovanni ein Eunuch, der neben Faust einzige nach-antike Mythos der westlichen Literatur – ein Entmannter! Nein, das ist kein blöder Regietheater-Gag, so betrat der berühmteste aller Weiberhelden die Bühne. Zumindest in Grundzügen, es dauerte aber noch einmal über 100 Jahre bis aus dem 1669 in Rom uraufgeführen „Lʼempio punito“ (Der bestrafte Gottlose) von Alessandro Melani Mozarts Prager „Il dissoluto punito“ wurde. Und das frühe Stück ist, obwohl in Rom uraufgeführt, noch eine echte, komisch-erotische venezianische Barockoper. Die Librettisten hatten sich nämlich bei einer anderen Cesti-Oper bedient. Man erkennt die da-Ponte-Handlung und -Personenkonstellationen in den Grundzügen schnell wieder, auch wenn sie in die Antike verlegt ist. Der einst, wie in Rom üblich, von einem Kastraten gesungene Acrimante ist Don Giovanni. Er ist Cousin des Königs von Korinth und hat trotzdem dessen Tochter Atamira einfach abserviert und steigt jetzt Ipomena, der Schwester des Königs von Mazedonien, nach. Bibi heißt sein Leporello, der ebenfalls einem Rock hinterherjagt – dem der einem weiteren Kastraten anvertrauten komischen Amme Delfa. Diesen Sommer wurde das Stück auch in Innsbruck gespielt, letzten Herbst eine andere Produktion in Pisa für dieses Album aufgenommen. Musikwissenschaftler werden sich freuen, zum Hören ist es allerdings ein wenig kurzatmig und fad: Melani war nicht Cesti. Gesungen wird zwischen viel Bühnenrumpeln ordentlich, Counter Raffaele Pe ragt mit Technik und Charisma heraus, darf aber am Ende nicht wirklich als Archetypus zur Hölle fahren. Das schmalbrüstige Orchesterchen Auser Musici unter Carlo Ipata schlägt sich wacker. Melani gebührt also das dramaturgische Jus primae noctis, aber wir kehren für den „Giovanni“-Vollzug lieber zu Mozart zurück.

Matthias Siehler, 10.10.2020



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