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Largo

Brad Mehldau

Warner 9362 48114 2
(65 Min.) 1 CD

Vor zwei Jahren hat Brad Mehldau eine ganze CD mit eigenen Kompositionen vorgelegt ("Places"), jetzt geht er noch einen mutigen Schritt weiter und begibt sich aus dem sicheren Hafen seines Trios in die ungeschützte Weite des offenen Meeres - sprich: er überlässt sich den Fittichen eines Produzenten, der eigene Ideen ins Spiel bringt. Und da Jon Brion nicht aus dem Jazz, sondern von der Popmusik kommt (er hat für Fiona Apple und Aimee Mann gearbeitet), konnte man sicher sein, dass bei der Zusammenarbeit kein übliches, mit schmalztriefenden Streichern oder unterforderten Bläsern verstärktes Album herauskommen würde.
Zwar bleibt das Kerntrio aus Mehldau, Larry Grenadier und Jorge Rossy erhalten, es wird aber durch zusätzliche Musiker, vor allem Schlagzeuger, erweitert, wodurch die Aufmerksamkeit des Hörers automatisch stärker aufs Rhythmische gelenkt wird. Das gilt auch für - von der Erfindung her - rein lyrisch angelegte Titel wie das Eröffnungsstück "When It Rains", bei dem der zweite Trommler dann arg redundant wirkt. Die lang ausgehaltenen, choralartigen Bläserharmonien dagegen bieten eine ungewohnte Hintergrundfarbe.
In anderen Stücken hat Mehldau sein Klavier präpariert oder lässt sein Spiel elektronisch verändern - was, wie die ausgefallene Aufstellung der Mikrofone, zu klanglich durchweg interessanten Ergebnissen führt, aber in der Gegenüberstellung mit den eher altmodisch wirkenden Techniken und Melodien Mehldaus beim Hörer zunächst Ratlosigkeit erzeugt: Diese Wirkung nahmen Brion und Mehldau, die sich im Studio nach eigener Aussage sechs Tage lang "wie durchgedrehte Wissenschaftler im Versuchslabor" aufführten, bewusst in Kauf.
Überhaupt kehrt "Largo" Mehldaus Zerrissenheit stärker nach außen als jemals zuvor: aufgewachsen mit Popmusik, klassisch geschult, aber als Jazz-Improvisator sein Geld verdienend - drei Welten, deren Unvereinbarkeit die faszinierende Grundspannung von Mehldaus Musik liefert. Mit Homogenität im Sinne einer klassischen Ausgewogenheit und stilistischen Einheitlichkeit ist bei Mehldau also kaum zu rechnen, mit Ehrlichkeit beim zeitweiligen Bloßlegen seiner romantischen Seele jederzeit.

Mátyás Kiss, 08.08.2002



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