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Reflections - The Best Of

George Shearing

Telarc/In-Akustik 0 89408 35132 7
(70 Min., 1992 - 1998) 1 CD

Den Vorwurf eines Etikettenschwindels kann ich der Firma Telarc nicht ganz ersparen: Zwar erwähnt das Cover "Recorded From 1992-1998", aber zumindest ältere Leser werden sofort den inneren Widerspruch bemerken: Jeder einigermaßen bewanderte Jazzliebhaber weiß, dass George Shearings stilbildende - und damit tendenziell beste - Aufnahmen vor rund fünfzig Jahren entstanden sind. Aber zumindest erfahren wir auf diesem Umwege, dass der nunmehr Einundachtzigjährige auch im Spätherbst seiner Karriere noch einige schöne Aufnahmen vorgelegt hat - manchmal zu gewollt schöne, denn der sinfonische Streicherapparat (der zum Glück auf nur zwei Titeln auftaucht) geht dann doch etwas zu weit.
Wie bei Zusammenstellungen unvermeidlich, kann man also über die Auswahl der Titel streiten - aber in ihrem Wechsel zwischen Solo-, Trio- und Quintett-, Live- und Studioaufnahmen ergeben sie einen guten Überblick über Shearings Schaffen der letzten zehn Jahre. Obwohl auf den Besetzungslisten immerhin Namen wie Grady Tate (der am meisten beschäftigte Studio-Schlagzeuger der Sechziger) oder Steve Nelson (später bei Dave Holland) auftauchen, haben die Sidemen hier wenig zu melden: Das Hauptaugenmerk liegt auf Shearings durch Bebop-Einflüsse aus erster Hand frisch gehaltenem Swingidiom. Seine kontrapunktische Einleitung zu "My Favorite Things" erinnert kein bisschen an Coltranes Version, sie passt dafür um so besser ins Bach-Jahr. Daneben verneigt sich Shearing vor seinem fast gleichaltrigen Kollegen Dave Brubeck - mit einer Auslegung des "Summer Songs" und einer fast parodistisch auf "Take Five" verweisenden Interpretation des Weihnachtsliedes "God Rest Ye Merry Gentlemen".
Der von Geburt an blinde Shearing - immerhin Verfasser der Jazzstandards "Lullaby Of Birdland" und "Conception" - bewältigt bis heute mühelos halsbecherische Bud-Powell-Tempi ("Wail"). Auch sein früh zum Markenzeichen avancierter Quintett-Sound, bei dem die melodieführende, bereits oktavierte Klavierstimme durch Unisonolinien von Gitarre und Vibrafon verdoppelt wird, erlebt hier eine weitere Inkarnation. Schön, dass Klavierspielen so jung hält - auch Brubeck, John Lewis und Oscar Peterson scheinen keine Gedanken ans Aufhören zu verschwenden.

Mátyás Kiss, 07.12.2000



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