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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Robert Schumann

Melancholie

Christian Gerhaher, Gerold Huber

RCA Red Seal/Sony BMG 88697 16817-2
(72 Min., 8/2007) 1 CD

Unter Deutschlands Baritönen besitzt Christian Gerhaher unbestreitbar die schönste Stimme. Um sein samtweiches pianissimo dürften ihn die meisten seiner Kollegen ebenso beneiden wie um das volltönend abgerundetes Forte und die makellose Technik, mit der er seelenruhig Bögen von Schumanns "Mondnacht" spannen kann. Dennoch hinterlässt Gerhahers neues Schumannrezital einen zwiespältigen Eindruck: So eindrucksvoll das alles gesungen ist, so rar sind die Augenblicke, in denen man ihm die ausgestellten Gefühle tatsächlich glaubt. Wo beispielsweise Matthias Goerne in seiner Aufnahme des Eichendorff-Liederkreises bei geringfügig, aber entscheidend schnelleren Tempi die Unrast und Resignation des Romantikers hörbar macht, verfällt Gerhaher in eine etwas manierierte Kammersängerpose. Noch problematischer geraten die beiden seltener zu hörenden Zyklen op. 36 und 40: In den "Märzveilchen" nach H. Chr. Andersen verfehlen Gerhaher und sein eher redlicher als inspirierter Begleiter Gerold Huber völlig den trockenen Spott und nehmen das Lied als kreuzbrave Nettigkeit, durch "Sonntags am Rhein" spazieren die beiden in aller Gemütlichkeit ohne einen Schimmer von Ironie. Wenn Gerhaher in "Muttertraum" und "Der Soldat" einen dramatischen Tonfall anschlägt, kippen die Miniszenen prompt ins Larmoyante oder Theatralische – Olaf Bär hat in seiner maßstäblichen Aufnahme gezeigt, dass weniger hier viel mehr ist. Immerhin ein Trost für alle Baritöne: Eine schöne Stimme ist eben doch nicht alles.

Jörg Königsdorf, 30.05.2008



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