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Franz Schubert

Winterreise D911 (Lied-Edition Vol. 9)

Matthias Goerne, Christoph Eschenbach

harmonia mundi HMC 902107
(75 Min., 5/2011)

Wunden, die das Leben schlug: Ganz so dramatisch ist es nicht. Matthias Goerne ist nach wie vor sehr schön bei Stimme. Aber hier ist natürlich ein anderer, abgeklärterer am Winterwandern als der 29-jährige, sich 1996 gerade die Liedwelt erobernde Bariton, der erstmals Schuberts Zyklus von den „24 schauerlichen Liedern“ durchmaß. Es folgte 2004 ein eigenwilliger Live-Mitschnitt mit dem späten Alfred Brendel. Und jetzt, wie gesagt abgeklärt, doch zupackend, mit Mut zu fahlen Farben und körniger Vokalise, die dritte Fassung. Am Klavier spielt sanft, aber auch vorwärtstreibend Christoph Eschenbach, ein regelmäßiger und teurer Klavier- wie Dirigierpartner Goernes.
Diese „Winterreise“, sie klingt wie eine (vorläufige) Bilanz. Einer nach wie vor steil nach oben zeigenden Sängerkariere. Aber auch als Fazit von Goernes ganz persönlicher Schubert-Lieder-Edition: 12 CDs in neun Folgen, mit knapp 200 Stücken ungefähr ein Drittel dieses bis heute staunenswerten, unübertreffbaren Werkkorpus. In dieser „Winterreise“ – er führt sie parallel über Jahre hinweg und weltweit mit Markus Hinterhäuser in einer szenischen Fassung des bildenden Künstlers William Kentridge auf – wird es sehr existenziell. Schöngesang, kann, muss aber nicht sein, die Stimme darf auch belegt klingen, gellend, bis hin zum Schrei. Und doch ist da Erinnerung an den sanft rauschenden Lindenbaum, der verstörende Anblick der Nebensonnen, der fast als Freund begrüßte finale Leiermann. Es gilt nach wie vor: Matthias Goerne ist ein fesselnder Geschichtenerzähler. Der nie Mühe gehabt hat, sein Publikum zu finden und zu bannen. Auch wenn er ihm diesmal rauer, dramatischer, zerklüfteter kommt. Eben als einer, der gelebt hat.

Matthias Siehler, 29.11.2014



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