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Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn

Requiem, Ave verum corpus, Insanae et vanae curae

Tenebrae, Chamber Orchestra of Europe, Nigel Short

Warner 2564 60191-2
(60 Min., 4/2003) 1 CD

Die historische Aufführungspraxis hat sich die klassische Epoche schon längst umfassend zu eigen gemacht, und auch ein Mozart-Requiem im "Originalklang" ist der Sache nach schon längst keine Pioniertat mehr. Dennoch regt die historisierende Annäherung gerade bei diesem Werk immer zum Nachdenken darüber an, wie sehr wohl der schlanke, windschnittige Klang und die straffen Tempi Mozarts opus ultimum tatsächlich gerecht zu werden vermögen. Das liegt u. a. daran, dass diese Musizierweise die starke Präsenz des barocken Idioms in der Kirchenmusik der Klassik besonders deutlich zum Vorschein bringt. Ein Beispiel: Die Kyrie-Doppelfuge unterscheidet sich weder hinsichtlich ihrer beiden Themen noch bezüglich ihrer Satzstruktur fundamental von einer Fuge Georg Friedrich Händels. Während jedoch ein großer Teil der Hörer mittlerweile daran gewöhnt ist, barocke Kirchenmusikmusik vergleichsweise "objektiv" (statt sentimental oder Pathos geladen) vorgetragen zu bekommen - was nicht verkehrt ist, denn die theologische Aussage steckt hier viel mehr in der musikalischen Struktur als in der Interpretation -, irritiert eine solche Art der Darbietung im Zusammenhang des Mozart-Requiems eher. Denn hier geht schließlich der mit seinem Quartett aus zwei Bassetthörnern und zwei Fagotten sehr individuell instrumentierte Introitus voraus, der gleich zu Beginn des Requiems einen subjektiven, persönlichen Akzent setzt. Was tun, um diese an vielen Stellen des Stücks auftretende innere Spannung auszugleichen? Ein Zurück zur romantisierend-gefühligen Betroffenheits-Stilistik vergangener Zeit ist sicher kein gangbarer Weg. Aber vielleicht sollten die Männerstimmen des Chores z. B. am Beginn der besagten Kyrie-Fuge - anders als in der vorliegenden Aufnahme von Nigel Short - nicht losziehen wie eine Herde junger Stiere, vielleicht sollte das Ensemble im "Rex tremendae", welches historisierend durch sein rasches Tempo und seine Doppelpunktierungen in die Nähe einer barocken Ouvertüre rückt (was theologisch durchaus sinnvoll ist), sich stärker bewusst machen, dass hier nicht irgendein weltlicher Herrscher, sondern Gott selbst in seiner Erschauern machenden Größe besungen wird. Das Ergebnis könnte eine Version sein, die nichts von der unzweifelhaft vorhandenen zauberhaften Geschmeidigkeit und puren Klangschönheit der Aufnahme Shorts einbüßt, andererseits aber mehr Respekt, ja mehr Ehrfurcht vor dem Gegenstand durchscheinen lässt. Dies gelang z. B. Philippe Herreweghe und seinen Musikern (harmonia mundi) ganz hervorragend: Ein Vergleich beider Einspielungen unter dem genannten Gesichtspunkt ist frappierend! Aber Nigel Shorts Aufnahme weist ohnehin noch ein weiteres Problem auf: Die Qualität seines Solistenensembles fällt gegenüber derjenigen von Cho rund Orchester stark ab. Carys Lane (Sopran) etwa klingt stumpf und wenig fokussiert, Paul Badley (Tenor) agiert recht halsig und undifferenziert. Nicht zuletzt auch deswegen beglückt Nigel Shorts Mozart-Requiem nicht übermäßig.

22.05.2004



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