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William Christie (c) Denis Rouvre

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Auch „Maske in Blau“, uraufgeführt 1937 in Berlin, gehört zu jenen problematischen Operetten, mit denen die Nazis in den 30er Jahren die Lücken füllen wollten, die durch die Verfolgung jüdischer Künstler entstanden. Komponist Fred Raymond war ein erfolgreicher Schlagerschöpfer. Auf sein Konto gehen genialische Titel wie „In einer kleinen Konditorei“ und „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech’ dich damit tot“. Vielleicht Grund genug, es mit ihm trotz allem zu versuchen. Der neue Intendant des Stadttheaters von Baden bei Wien, Michael Lakner, versteht es, derlei auszugraben, ohne die Ambivalenz zu leugnen. Mit Kaltnadel-Sopran Maya Boog (als Evelyne Valera) und ausgekochten Komikern wie Uschi Plautz (Gonzala) hat er die richtigen Kräfte am Start. Bessere Textverständlichkeit, ein besser denn je aufgestelltes Orchester und einige zusätzliche Raymond-Titel („Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“) runden das Ganze ab und verheißen eine operettengoldene Zukunft in einem der, wie früher schon einmal gesagt: schönsten Theaterbauten der Welt. Nichts wie hin.
Im Café Imperial, dem Pausenstopp des internationalen Klassik-Jetset, denken wir heute über Flugverkehr nach. Dass die Klassik ohne ihn lahmgelegt wäre, diesem Umstand versuchte schon der österreichische Pianist Friedrich Gulda ein ironisches Denkmal zu errichten. 1999 ließ er die Nachricht verbreiten, er sei am Flughafen Zürich einem Schlaganfall erlegen. Das war Fake (Gulda starb erst im Jahr darauf am Attersee). Die Zahl klassischer Flugzeug-Toter, etwa Geiger Jacques Thibaud und Geigerin Ginette Neveu, ebenso Dirigent Guido Cantelli (alle bis Mitte der 50er Jahre), übersteigt diejenige von Straßen-Unfallopfern unter klassischen Musikern bis heute. Nicht wenige Klassiker fliegen selbst, so der Tenor Klaus Florian Vogt. Als schlechter Flieger galt hingegen der Repräsentant des Klassik- Jetset schlechthin, Herbert von Karajan. Mitarbeiter, die bei ihm einsteigen mussten, fürchteten sich. Und landeten grün und gelb im Gesicht.
Mangels Flugverkehr hat, um ein Gegenbeispiel zu nennen, Händel niemals so recht den Weg nach Wien gefunden. Im Theater an der Wien knüpft man mit „Saul“, inszeniert von Claus Guth (ab 16.2.), zwar an etliche Händel-Versuche an, die meist konzertant erfolgten. An der Wiener Staatsoper jedoch, wo bei „Ariodante“ immerhin William Christie dirigiert (ab 24.2.), hat man sehr selten Wind vom wohl besten Opernkomponisten des Barock bekommen. Ist das Haus zu groß? Nicht wenn Spezialisten wie Sarah Connolly oder Christophe Dumaux singen! – Um einen ‚Wiener Hängengebliebenen‘ handelt es sich bei dem aktuell 100-jährigen Gottfried von Einem. Ein lokaler Fall. Aber doch einer, der mit „Dantons Tod“ (Wiener Staatsoper, ab 24.3.) und „Besuch der alten Dame“ (Theater an der Wien, mit Katarina Karneus, ab 16.3.) zwei zugkräftige, wirkungsbewusste Werke hinterlassen hat. – Einen vermeintlich auf Dauerdurchreise befindlichen Dirigenten bieten wieder die Wiener Philharmoniker: Gustavo Dudamel (17. – 18.2. im Musikverein, 20.2. im Konzerthaus). Seit er das diktatorische Maduro- Regime in Venezuela zum Dialog aufforderte, gilt Dudamel dort als persona non grata und hat seine Heimat nicht wieder betreten. – Rekordverdächtiger Flughafen-Hopper bleibt schließlich Paavo Järvi. Zwar ist er der Bremer Kammerphilharmonie treu (Musikverein, 19./20.3.). Springt aber sonst zwischen Tokyo, Tallinn, London, Pärnu und Zürich hyperehrgeizig hin und her. Ach, wer da mitspringen könnte … Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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