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Michael Sanderling (c) Markenfotografie

Dresdner Philharmonie

Brüder im Geiste?

In einer Aufnahmeserie mit seinem Orchester kombiniert Chefdirigent Michael Sanderling die Sinfonien Beethovens und Schostakowitschs

Noch bis 2019 steht Michael Sanderling der Dresdner Philharmonie als Chefdirigent vor. Der Sohn von Kurt Sanderling ist von Haus aus Cellist, wir treffen uns in der Frankfurter Musikhochschule, wo Sanderling eine Professur für Cello innehat.

RONDO: Wie kam es zu der Idee, Beethoven ausgerechnet mit Schostakowitsch zu konfrontieren?

Michael Sanderling: Die Dresdner Philharmonie feiert 2020 ihr 150-jähriges Bestehen. Da stellte sich die Frage: Was lohnt sich, um nicht nur stolz zurückzuschauen, sondern auch für das Jetzt etwas zu tun und für die Zukunft? 2020 ist zugleich das Beethoven-Jahr, und 2025 feiern wir den 50. Todestag von Schostakowitsch. Dann kam schnell ein Gedanke, der mich schon länger umtreibt, nämlich dem nachzugehen, wie weit Beethoven ausgestrahlt hat. Als erster Komponist, der die Sinfonie als Medium genutzt hat, um gesellschaftlich relevante, womöglich auch persönlich gefärbte Probleme aufzuzeigen, zu entwickeln und zu lösen. Und ich fand das spannend, ihn mit dem für meine Begriffe letzten Sinfoniker dieser Art in einen Dialog zu bringen, der das Medium auch in dieser Weise verstanden hat.

RONDO: Welche Erkenntnisse haben sich eingestellt?

Sanderling: Es zeigt sich, wie lange Beethovens Genialität ausgestrahlt hat auf nachfolgende Komponisten-Generationen, wie meisterhaft es aber auch für Schostakowitsch im 20. Jahrhundert noch möglich war, mit bekannten Mitteln ganz große Aussagen zu erreichen. In Zeiten eines Nono oder Berio war es ja eine starke Position, zu sagen, es gibt noch andere Möglichkeiten als immer nur die Erweiterung des Spektrums, auch mit den alten Mitteln kann man höchst relevante Aussagen treffen.

RONDO: Also sind Beethoven und Schostakowitsch gar nicht so weit voneinander entfernt?

Sanderling: Es geht gar nicht um das unmittelbare Erleben: Wie hört sich Schostakowitsch nach Beethoven oder wie hört sich Beethoven vor Schostakowitsch an? Sondern um das Ergründen der Ideen und um die Erkenntnis, dass die beiden auch in der Wahl der Mittel eben gar nicht so weit voneinander entfernt sind, obwohl 200 Jahre dazwischen liegen.

RONDO: Klingt mit Schostakowitsch im Hinterkopf Beethoven noch radikaler oder kommt mit Beethoven im Hinterkopf Schostakowitsch sozusagen im Kanon an, klingt klassischer?

Sanderling: Beides. Und eines kann man schon sagen: Neben vielen Einsichten, die ich bei der Erarbeitung dieser Werke gewonnen habe, ist eine, dass man auch höchst eindrücklich sein kann, ohne radikal zu sein.

RONDO: Gibt es bei Beethoven denn auch Elemente der Karikatur, der Ironie? Und Tarnungen wie bei Schostakowitsch, um die Kritik vor der Politik zu verstecken?

Sanderling: Nein, das ist etwas, das die beiden eben nicht eint. Und bei Schostakowitsch ist es noch viel mehr: Karikatur, Ironie und Sarkasmus sind einer Chiffrierung untergeordnet, von der wir wissen, dass sie überlebensnotwendig war für einen Künstler der damaligen Zeit. Darin besteht ein ganz großer Teil der Genialität Schostakowitschs. Etwas zu sagen, ohne dass es von den „Falschen“ erkannt werden konnte.

RONDO: Beethoven klingt bei Ihnen deutlich entschlackt, eher weit entfernt vom ominösen „deutschen Klang“?

Sanderling: Ich habe hier etwas vorgefunden, was unglaublich schön klingt, aber für alle Stilepochen gleichermaßen genutzt wurde. Dieses Dresdner Klangmodell klingt sehr warm, sehr rich würde der Engländer sagen. Das ist schön, aber für manches unpassend. Also habe ich mir die Aufgabe gestellt, ein paar Satelliten in Form von neuen Klangbildern anzudocken. Eins davon gehört in die Klassik der direkten, der rhetorischen, mehr sprechenden als singenden und vor allem gradlinigen Spielweise.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven, Dmitri Schostakowitsch

Sinfonien 5

Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling

Sony

Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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