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(c) Marco Borggreve

Münchner Symphoniker

Vom Ideenreichtum leben

Mit neuen Konzepten und Ideen macht sich das Orchester auch abseits des Konzertsaals fit für die Zukunft.

Neuanfänge sind immer eine Herausforderung. Vor allem, wenn einem dabei auch noch ein langjähriger Partner auf einmal wegbricht. So geschehen bei den Münchner Symphonikern, die seit Beginn der aktuellen Saison selbst als Veranstalter ihrer traditionellen Abo- Konzerte in Erscheinung treten. Notwendig geworden war die Trennung vom bisherigen Partner MünchenMusik laut Intendantin Annette Josef durch bürokratische EU-Richtlinien, denen zufolge man zum Erhalt der Fördermittel ab sofort alle vier Jahre Neuausschreibungen hätte in die Wege leiten müssen. Was für langfristige Planungen kaum Spielraum gelassen hätte und vor allem zu Lasten der Abonnenten gegangen wäre. Daher nun also der selbstbewusste Sprung ins kalte Wasser, der das Team hinter den Kulissen vor neue organisatorische Herausforderungen stellt, gleichzeitig aber auch Chancen bietet, das Profil des Orchesters nun ganz nach eigenen Vorstellungen zu schärfen.
Das wird schon bei einem Streifzug durch München deutlich, wo sich die neu gestalteten Plakatmotive zum echten Hingucker entwickelt haben. Verantwortlich zeichnet dafür die Agentur „Blackspace“, die auch dem Webauftritt der Symphoniker eine deutliche Frischzellenkur verpasst hat. Denn wer neben seinen Stammgästen auch ein neues, junges Publikum erreichen möchte, darf sich den digitalen Kommunikationswegen nicht verschließen. So ist das Orchester nicht nur mit Bild und Ton in den sozialen Medien überaus aktiv. Zusammen mit dem Theater und Konzerthaus Dortmund zählt man ebenfalls zu den ersten in Deutschland, die es Konzertbesuchern ab sofort erlauben, ihren Konzertbesuch durch eine neue App namens „Wolfgang“ aufzuwerten und parallel zum Gehörten zusätzliche Informationen auf dem Smartphone abzurufen. Eine Art Programmheft 2.0, das bei unseren holländischen Nachbarn bereits eifrig genutzt wird und sinnvolle Ergänzung zu den auch weiterhin stattfindenden beliebten Künstlergesprächen, mit denen man die Nähe zum Publikum sucht und Einblicke in die Geschichten hinter der Musik gewährt. „Gute Geschichten brauchen aber auch gute Erzähler“. Das weiß die Intendantin. Denn „nicht nur die Komposition selbst ist dafür verantwortlich, wie wir einen Konzertabend erleben, sondern auch die Protagonisten auf der Bühne, die bekannte Geschichten neu erzählen oder musikalisches Neuland erobern.“

Keine Märchen

An erster Stelle steht hier natürlich Chefdirigent Kevin John Edusei, mit dessen Verpflichtung man 2014 einen echten Glücksgriff tat. Ein Maestro der neuen Generation, dem es nicht genügt, einen Status quo zu erhalten, sondern der das 1945 gegründete Orchester immer wieder gern aus seiner Wohlfühlzone lockt und herausfordert. Da werden dann statt Werken der Hausgöttern Beethoven und Schubert auch schon mal ein großer Mahler oder Bruckner aufs Programm gesetzt. Und nach dem Verklingen der letzten Note und dem Wegwischen der Schweißperlen den bis dahin hochkonzentriert in ihre Noten blickenden Musikerinnen und Musikern mit anerkennendem Kopfnicken vom Pult aus gedankt. Denn Edusei weiß um das Potenzial des Ensembles, das seit seinem Amtsantritt auch vom Münchner Publikum anders wahrgenommen wird.
Eine gesunde Wechselwirkung von Tradition und Moderne gehört bei den Symphonikern von jeher dazu. Wobei die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts hier aber keineswegs nur als Feigenblatt herhalten muss, sondern stets in genau ausgeklügeltem Kontext erklingt. So tritt demnächst beispielweise Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ in Dialog mit Musik von Duke Ellington, oder hier trifft Strawinskis „Feuervogel“ auf ein Auftragswerk namens „Les couleurs du feu“, das man gemeinsam mit den Grenzgängern des radio.string.quartet realisiert.
Die neue Unabhängigkeit und Eigenverantwortung sieht Edusei vor allem als Chance für sein Orchester. „Natürlich ist das alles erst einmal neu. Aber es setzt eben auch viele Energien bei den Musikern und im Team frei. Schließlich sind wir ja auch ein Orchester, das von Ideen lebt.“ Und an denen mangelt es, gerade was die Programmgestaltung angeht, keineswegs. Begegnet man in der Saisonvorschau doch so manchen Namen, die bislang nur Insidern geläufig sein dürften. Etwa der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée, die in ihrer Heimat zur Vorreiterin der Frauenbewegung avancierte. Oder des als Sohn einer Sklavin in Guadeloupe geborenen Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges, der im Frankreich des 18. Jahrhunderts als „schwarzer Mozart“ gefeiert wurde. Ihre Kompositionen sind nur zwei spannende Farbtupfer eines ambitionierten Programms, das neugierigen Musikfans in den kommenden Monaten noch reichlich Gesprächsstoff bieten dürfte.

Neu erschienen:

Franz Schubert

Sinfonien Nr. 5 & 6

Münchner Symphoniker, Kevin John Edusei

Solo Musica/Sony


Transparent-frischer Schubert

Franz Schubert ist nicht nur eine Konstante im Konzertrepertoire der Münchner Symphoniker. Auch auf CD beginnt ein kleiner, aber feiner Zyklus langsam Gestalt anzunehmen. Die letzte Veröffentlichung hatte neben der Sinfonie Nr. 4 unter anderem auch eine durch Mario Venzago neu vollendete „Unvollendete“ als Anreiz zu bieten. Für die nächste Runde heißt es nun wieder Schubert pur. Vorgenommen hat man sich dafür die Fünfte und Sechste, bei denen Kevin John Edusei mit frischem Blick und einem transparenten Klangideal folgend nahtlos an das Vorgänger-Album anschließt – und damit der Diskografie seines Orchesters einen weiteren interessanten Baustein hinzufügt.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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