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(c) Neda Navaee

Matthias Kirschnereit

Mäandertaler

In 20 Minuten zum Konzertpianisten: Matthias Kirschnereit hat alle Verfechter frühen Tastendrills eines Besseren belehrt.

Es gibt heutzutage viel zu viel politisch korrektes Klavierspiel.“ Nein, Matthias Kirschnereit will zu den zahlreichen „Political Correctness“- Debatten der jüngsten Zeit nicht noch eine weitere musikalischer Natur hinzufügen. Und doch irritiert den Pianisten, dass es gerade in der jungen Generation der Tastenstürmer so viele Künstler gibt, die zwar „alles richtig, aber eben auch wenig faszinierend spielen“. Allzu angepasste Auftritte erlebe er da häufig selbst unter viel gerühmten Nachwuchskollegen, die aus Furcht eine persönliche Aussage vermieden. Und denen es ob des stundenlangen täglichen Übens seit Kindesbeinen nicht selten schlicht an den nötigen Erlebnissen für eine solche Aussage fehle: Als er jüngst bei einem Kurs in Japan auf einen Achtjährigen traf, habe er dem Jungen vor allem zwei Gedanken ans Herz gelegt – „spiel mit deinen Freunden und mach‘ auch einfach mal Blödsinn“.
In Zeiten immer jüngerer Wunderkinder und immer größerer Konkurrenz am Flügel eine Empfehlung, die verwundern mag. Und doch weiß Kirschnereit aus eigener Erfahrung, wie viel wertvoller Erlebnisse jenseits des täglichen Übens gerade in Kinderjahren sein können: Seine Augen leuchten noch heute, wenn der 57-Jährige, Jüngster unter fünf Geschwistern, von seinen Abenteuern in jenem Wald erzählt, der sich an sein Elternhaus am Plöner See anschloss – das Klavierspiel gehörte zwar zum gutbürgerlichen Hausgebrauch, doch den Großteil des Nachmittages verbrachte der kleine Matthias zwischen den Baumriesen. Und auch später, als es die Familie nach Namibia zog, waren es die Nächte unter dem freien Sternenhimmel Afrikas, die ihn faszinierten: „Dieser Blick und die Zeitlosigkeit eröffneten mir ein kolossales Gefühl für Weite und auch Einsamkeit.“

Von Namibia nach Detmold

Das Klavier? Zeitlich damals eher noch eine Nebensache für den Jungen, auch wenn er schon bald zum besten Schüler seines Jahrgangs in Windhoek avancierte und seiner in Deutschland gebliebenen großen Schwester selbstbewusst verkündete: „Ich möchte ein großer Konzertpianist werden und übe täglich zwanzig Minuten.“ Kirschnereit schmunzelt bei der Erinnerung – und ist sich doch zugleich seines seltenen Glücks einer völlig normalen Kindheit ohne frühen Tastendrill bewusst: „In der Regel werden die Weichen deutlich früher gestellt – leider oft auf Kosten eines sehr hohen Preises, denn durch den enormen zeitlichen Einsatz fallen viele andere Lebenserfahrungen unter den Tisch.“ Er selbst war ein Teenager von 14 Jahren, als er sich entschied, aus Namibia nach Deutschland zurückzukehren, um sich an der Musikhochschule in Detmold – sein Bruder studierte hier Kirchenmusik – als Jungstudent dem Klavier zu widmen. Dass der selbstbewusste Schüler dann zwei Jahre später das dortige Gymnasium verließ, um sich fortan allein auf die Musik zu konzentrieren, sorgte für einen handfesten Skandal in der Stadt und die warnende Prophezeiung seines Direktors: „Solche Leute wie Sie kennen wir, die werden später Musiklehrer in Barntrup …“
Nun, dieses Mal irrte der Schulleiter, statt aufs Dorf hat es den eigensinnigen Pennäler von einst in die Konzertsäle der Welt verschlagen. Und doch ist dieser zugleich seiner Liebe zur Natur treu geblieben: Wo mancher Star-Kollege beim Gedanken an Auftritte in Dorfkirchen vor zweihundert Besuchern nur müde die Augen verdrehen würde, hat der Pianist voller Begeisterung zugegriffen, als ihm 2011 die künstlerische Leitung des neuen Gezeitenkonzerte- Festivals der Ostfriesischen Landschaft angetragen wurde. Aurich, Emden, Leer, Wittmund: Mögen sich hinter diesen Namen auch keine Städte von Weltruf verbergen, so weiß Kirschnereit doch nur zu gut vom ganz eigenen Reiz eines Kammermusikfestivals mit Künstlerfreunden „in landschaftlicher Idylle und pittoresk- magischem Ambiente“. Kein Wunder, dass die Zuhörerzahlen sich seit Anbeginn verdreifacht haben und sich immer mehr Besucher dem Reiz des Verweilens hingeben: „Man ist hier nicht auf der Durchreise, sondern es bedarf eines gewissen Herunterkommens und Innehaltens.“ Was selbst Weltstars wie Grigory Sokolov oder Sabine Meyer alle Jahre wieder Ausflüge nach Ostfriesland unternehmen lässt.
Eindrücke und Erlebnisse, von denen der Klavierprofessor seinen Studenten an der Rostocker Musikhochschule nur zu gern erzählt. Vom Sein jenseits der Läufe auf den weißen und schwarzen Tasten wie auch von den Krisen im Leben: Die, sagt der Wahl-Hamburger, dessen einstmals dunkle Lockenpracht inzwischen langsam von der silbernen Weisheit des Alters durchzogen wird, „braucht ein jeder Mensch, um sich weiter zu entwickeln“. Politisch korrekte Pianisten gibt es schließlich schon genug.

Neu erschienen:

Robert Schumann

„Concertant“, Klavierkonzert a-Moll, Konzertstück, Introduktion & Allegro appassionato

Matthias Kirschnereit, Konzerthausorchester Berlin, Jan Willem de Vriend

Berlin Classics/Edel


Viel Fantasie

Es sind die selten zu hörenden Werke, die Kirschnereit bei seinen CD-Aufnahmen reizen. So auch auf seinem jüngsten Schumann-Album „Concertant“, für das sich der Pianist mit dem Konzerthausorchester Berlin unter Jan Willem de Vriend dessen Konzertstücke op. 86, 92 und 134 vorgenommen hat, die sonst „ein Nischendasein fristen“. Die Idee, die zu Schumanns Zeiten nie gedruckte, sondern lediglich privat aufgeführte, einsätzige Fantasie einzuspielen, verwarf Kirschnereit ob der allzu dürftigen Quellenlage wieder und entschied sich für das berühmte a-moll-Klavierkonzert: Hat doch in dessen ersten Satz die von Schumann nochmals überarbeitete Fantasie Eingang gefunden.


Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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