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(c) Jonas Holthaus

Martin Fröst

Expedition ins Barock

Weil für die Barockmusik sein Instrument noch neu war, hat sich der Klarinettist bei den Opern Vivaldis umgesehen – und ist fündig geworden.

Haben wir richtig gehört? Martin Fröst spielt Vivaldi? Klar, wir kennen den großen Blonden, gar nicht kühlen Klarinettisten aus dem hohen Norden als einen Extremisten seines Instruments. Der schöne Schwede hat das Repertoire seines Instruments von der Wiener Schule der Klassik über die Romantik und Moderne bis in die hinterste, auch nationalregionale Repertoirelücke ausgelotet. Er hat sein Herz für den Jazz wie für Klezmer bewiesen. Er hat fiepend, überblasend, schlagend, schnorchelnd aus seinem Herzen für die Moderne und das Zeitgenössische keinen Hehl gemacht, noch die extremste Spieltechnik zumindest mal ausprobierend. Und er hat sich samt seinem Instrument auch zum visuellen Medium gemacht, zum Performer, der spielt, rezitiert, conférenciert und der auch einen ganzen Konzeptabend, ob klein, kammermusikalisch oder orchestral-, chor- und sogar popgroß zusammenhält. Respekt also für diese Neugier und den Mut. So nämlich wurde der versatile Martin Fröst zu einem der gegenwärtig meistgefragten Klassikkünstler, der sehr gerne auch als Artist in Residence von Orchestern und Festivals eingeladen wird – weil er so viele Facetten des Musizierens offeriert, weil er ein so technisch grandioser, wie musikalisch feinsinniger Virtuose auf seinem Instrument ist, aber auch, weil er sich so klug und locker artikulieren kann. So verwundert es nicht, dass er vor zwei Jahren lange Zeit mit den Bamberger Symphonikern verbrachte und gegenwärtig als Artist in Focus beim Zürcher Tonhalle Orchester fungiert. Als Solist hat der 1970 geborene Martin Fröst zuletzt mit dem Concertgebouw Orchest, New York Philharmonic, Los Angeles Philharmonic, dem Leipziger Gewandhausorchester, den Münchner Philharmonikern, dem Philharmonia Orchestra London und dem NDR Elbphilharmonie Orchester gespielt. Er arbeitete auch mit dem Saint Paul Chamber und dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra an besonderen Projekten, folgte in der Spielzeit 2017/18 einer Residence nach Barcelona ans Orquestra Simfónica de Barcelona i Nacional de Catalunya, nachdem er in dieser Rolle in den vergangenen Jahren schon Erfahrungen in Amsterdam, beim Göteborg Symphony und in der Londoner Wigmore Hall sammelte. Seit September 2019 ist der umtriebige Klarinettist außerdem Chefdirigent des Swedish Chamber Orchestra. Bei all diesen Projekten jedoch blieb Martin Fröst eine Tür bisher immer verschlossen: die Tür zur Musik vor 1750. Denn anders als für die Oboisten ist die Barockmusik für den Klarinettisten eher unwegsames Terrain, auf dem er nichts zu suchen hat, weil die Klarinette noch nicht wirklich durchgesetzt war. Wenn überhaupt, fanden sich instrumentale Vorformen men, die auch der experimentierfreudige Antonio Vivaldi kannte und einige Male einsetzte. Beispielsweise das aus der Blockflöte entwickelte Chalumeau mit noch geringem Tonumfang, das für ländliche Szenen mit pastoralem Charakter Verwendung fand (traumhaft schön etwa in der Arie „Veni, veni, me squere fida“ in „Juditha triumphans“). Und das Clarino, das die schwer zu spielenden Trompeten vor allem in den brillanten Höhen unterstützen sollte. „Das fand ich immer sehr schade“, erzählt Martin Fröst über die Anfänge seines jüngsten Album-Projekts. „Ich wollte schon lange da einsteigen, ich habe auch meine Fühler ausgestreckt, aber lange nicht den richtigen Ansatz gefunden. Bis ich Andreas N. Tarkmann kennengelernt habe, der mich mit seinen Rekonstruktionen und historistischen Transkriptionen sehr schnell überzeugt hat. Schnell haben wir uns auf Antonio Vivaldi fokussiert, natürlich auch, weil er so populär ist. Ich wollte mitten ins Herz der Barockmusik treffen.“

Das ergibt Sinn

Tarkmann war es auch, der die Idee hatte, sich gerade einmal nicht in Vivaldis überreichem Instrumentalschaffen zu bedienen. Was ja sogar schon seine Zeitgenossen, angefangen mit Johann Sebastian Bach, gern und ausführlich unternommen haben. „Da gibt es schon so viele, sehr schöne Adaptionen und Variationen, so hat Andreas das ja lange vernachlässigte, in den letzten Jahren zum Glück wieder bekannter gewordene Opernschaffen als Quelle vorgeschlagen“, erinnert sich Fröst. Der Plan fand sofort Zustimmung. „Eine geniale Idee! Die vielen Arien passen längenmäßig gut und man hat von schnell und langsam, virtuos und lyrisch verinnerlicht, wirklich jede Stimmung dabei. Und es passt melodisch ganz wunderbar zur Klarinette.“ Doch mit der Übertragung der Arien auf sein Instrument allein war noch kein Bogen gefunden. Vielmehr sollten ihre Stimmungen noch zu neuen Sinnzusammenhängen kombiniert werden, die einen konzertanten Charakter betonen. „Andreas hat eine Vorauswahl zusammengestellt und dann haben wir uns auf Stücke geeinigt, aus denen wir nun drei synthetische Klarinettenkonzerte zusammengebastelt haben. Und weil wir die so schön fanden, haben wir ihnen auch gleich noch Namen gegeben.“ Und so kann man jetzt die Konzerte „Sant’Angelo“, „La Fenice“ und „Il Mezzetino“ genießen – und darin einen so verinnerlichten wie brillanten Barock-Virtuoso Martin Fröst mit allen vokalen Qualitäten, die sein Instrument ohnehin atmen lassen. Mit dem Concerto Köln war auch schnell ein begeisterter Klangkörper für die Begleitung gefunden, zumal Fröst mit ihm bereits zusammengearbeitet hatte. Ihnen sind auf dem Album noch zwei Streichersinfonien als Visitenkarten vorbehalten. Während Fröst sogar versucht, sich in einer weiteren Arie „La Tortora“ klanglich auch noch dem Chalumeau anzunähern und somit der Vergangenheit auf eine weitere Art Reverenz zu erweisen. Auf einer „Barock only“-Tournee wird man dem Klarinettisten, der diese Musik auch als Erziehungsarbeit für seine neu gegründete Stiftung mitnimmt, aber nicht erleben. „Aber das eine oder andere Konzert wird sicher in meinen Liveprogrammen auftauchen. Ich weiß nur noch nicht, welches …“

Erscheint digital am 3. April und auf Tonträger Anfang Mai:

Antonio Vivaldi/arr. Andreas N. Tarkmann

Klarinettenkonzerte Nr. 1–3

Martin Fröst, Concerto Köln

Sony


Süßholz

1Der in Nürnberg wirkende Johann Christoph Denner (1655–1707) war vermutlich der erste Instrumentenbauer, der Holzblasinstrumente, wie sie in Frankreich nach 1650 entwickelt wurden, im deutschsprachigen Raum erfolgreich herstellte, insbesondere die aus der Schalmei (Pommer) abgeleitete Oboe, auch die Blockflöte. Er soll zudem zwischen 1690 und 1700 die moderne Klarinette erfunden haben, indem er das Chalumeau so erweiterte, dass es überblasen werden konnte und so einen der zeitgenössischen Musik angemessenen Tonumfang erhielt. Die Klarinette machte freilich erst ab etwa 1740 in der praktischen Musik Furore, doch wurde sie bald in allen Orchestern eines der wichtigsten Instrumente.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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