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(c) Monika Rittershaus

Musikstadt

Havanna

Viele klassische Musiker verfallen der Faszination Kubas. Auch die Berliner Philharmonikerin Sarah Willis. So wurde „Mozart y Mambo“ geboren.

Mambo und Salsa. Ja. Aber Mozart? Falsche Baustelle, möchte man meinen. Wo in Havanna, trotz Unesco-Weltkulturerbe-Status, doch so einiges sehr baufällig ist. Doch in den Tropen bröckelt es halt immer höchst pittoresk. Palme und Oldtimer und blätternde Hausfassaden mit verblassten Revolutionsparolen. Diese Folklore funktioniert nach wie vor sehr gut. Aber Kuba und Hochkultur? Natürlich, das Filmfestival, Theater, vor allem das Ballett: dessen Ikone, Alicia Alonso, die rote Giselle, die Pasionaria der Karibik, Fidels Schwester im Geiste, sie ist erst kürzlich, hochbetagt, gestorben. Und ihre Enkelschüler schwärmen in die ganze Welt aus. Aber Klassik?
Auch die gibt es hier als nicht eben kleine Musikfakultät an der Kunsthochschule, als Staatliches Sinfonieorchester plus diverser Klangkörper in den Provinzen, als Opern im ebenfalls würdevoll verschnörkelten wie elegant verschlissenen Gran Teatre – nicht weit weg vom marmorweißen Kapitol, dessen nachts angestrahlte Kuppel man eigentlich in der Altstadt in fast jeder Straße als Perspektivenendpunkt zu sehen bekommt.
Nur ein paar Fußminuten weg liegt das ebenfalls in der Dunkelheit weißleuchtende Oratorio San Felippe Neri. Der Orden hat an seiner Versammlungsstätte in Rom einer neuen Musikform den Namen gegeben: dem Oratorium. Also passt die Location super. Sie ist nämlich längst ein Konzertsaal, der dem darüber liegenden Lyceum Mozart gehört. Und das wiederum wird von der Kunstuniversität mitunterhalten.
Drinnen finden Plattenaufnahmen statt, das geht nur spätabends, denn die Kirche ist natürlich nicht wirklich isoliert, man hört jede Fehlzündung von der Straße. Dirigent José „Pepe“ Antonio Méndez Padrón, der bei Peter Gülke und am Salzburger Mozarteum studiert hat, schenkt seinen jugendlichen Musikern nichts. Er ist Chef eines weiteren regionalen Klangkörpers und dirigiert auch das Nationale Sinfonieorchester, doch mehr Zukunft sieht er in den Projekten des Lyceums. Hier hat er seit 2015 jährlich sein eigenes Festival Mozart Habana, letztes Jahr hat man sogar „La Clemenza di Tito“ gestemmt.
Wenn man diese Truppe mit Verve spielen hört, dann versteht man, warum Kuba auch die Klassikszene fasziniert. Claudio Abbado, Simon Rattle, das Mahler Chamber Orchestra, das Mahler Jugendorchester, das Lucerne Festival, sie alle waren hier. Man hat unterrichtet, Geld gespendet, Instrumente mitgebracht, aber irgendwie sind alle Goodwill-Mühen versickert. Die Salzburger Stiftung Mozarteum engagiert sich an ihrem kubanischen Namensableger nachhaltig. Vor allem aber die Balthasar-Neumann-Stiftung. Das ist eine Herzensangelegenheit von Thomas Hengelbrock.
Und jetzt engagiert sich Sarah Willis. Viermal hat sie für ihre Deutsche-Welle-Fernsehsendung „Sarah’s Music“ hier gedreht, das 2016 gegründete Lyceumsorchester hat sie sogleich fasziniert: „Das sind so wunderbar ehrliche und enthusiastische Musiker, die bessere Instrumente und Aufträge brauchen.“

The Girl from Berlin

Man kommt in Kuba nur weiter, wenn man bekannt ist, sich Vertrauen erobert hat. Sarah hat erstmal Masterclasses gegeben: „The Girl with the French Horn from Berlin.“ Sie kamen zahlreich, die Community ist dank WhatsApp gut vernetzt. Profis wie Studenten. Und schwupps, waren die Havana Horns gegründet. Klar, dass sie auch auf der CD dabei sein werden. Kubanische Musiker haben meist mehrere Jobs. Manche gehen regelmäßig auf Auslandstourneen, wie der wildgelockte Saxofonist Yuniet Lombida, ein kleiner Star, der schon in Deutschland aufgetreten ist.
Eine CD, das wurde das Kuba-Projekt von Sarah Willis. Von einem Teil der Platteneinkünfte für das Orchester sollen Instrumente gekauft werden Die Outhere Music Foundation wird Streichersaiten spenden. Im Sommer, parallel zur Veröffentlichung, sollte es auf Europatournee gehen. Das ist jetzt verschoben. Sarah hat das alles organisiert, sehr gute Technik ausgewählt, Tourneeveranstalter, Platten und Fernsehproduzenten sowie TV-Sender überredet. Und sogar noch für den letzten Rest Finanzierung hat sich eine kleine Stiftung in Gestalt des ebenfalls hornspielnden, jetzt sich hier freuenden Roland Göhde gefunden.
Durch die Glastür sieht man bereits die Musiker sich warmspielen. Ab heute gilt es. Nun wird aufgenommen, „Mozart y Mambo“ geht für Alpha vom Stapel. Mit dem Schwersten: Mozarts 3. Hornkonzert. Das ist der rein klassische Teil. Sarah Willis ist nervös: „Das Stück ist ein Trauma, denn es war mein Probespielstück, Kadenz, danke, der nächste. Das steckt auf ewig in einem.“ Wenn das jetzt flutscht, wird der Rest leichter. Sarah Willis steht zwar gern vor Kameras und Mikrofonen, die englische Hornistin der Berliner Philharmoniker, die kurz nach dem Mauerfall frisch von der Hochschule weg als erste Westlerin bei Daniel Barenboims Staatskapelle angeheuert hat, ist ein Kommunikationstalent, aber zum Spielen geht sie gern in die zweite Reihe.
Jetzt wollte sie was tun, und da muss sie mit Ganzkörpereinsatz ran. Denn dem Charme Kubas und dem Charisma seiner Musiker, die es nicht eben leicht haben, ist auch sie schnell verfallen.
Ein paar Tage später. Es geht in die Zielgerade. Keine Müdigkeit ist zu erkennen. Das Konzert und der Flashmob sind absolviert, Mozart y Mambo sind fast im Kasten. Christoph Franke, Tontechniker der Berliner Philharmoniker, ist happy. In der letzten Session gibt es nochmals einheimische Musik, nur noch ein kleines Ensemble ist da. Und dann tönt die Stimme des Tonherren: „Fertig. Alles gut. Das war’s.“ „Dies war die tollste Sache meines Lebens“, jubelt Sarah. „Ich danke euch allen. Wir sehen uns bald wieder.“ Ein letztes Mal durch die Straßen des fast menschenleeren Havanna. In denen es irgendwie nach Mozart klingt.
goehdefoundation.org/


Mozart y Mambo

1Es wird mitgeschnitten und von bis zu vier Kameramännern gedreht. Sarah Willisʼ „Mozart y Mambo“-Projekt wird von Alpha aufgenommen und von der Deutschen Welle als Konzertfilm gesendet werden. Eine TV-Dokumentation gibt es zudem. Finanziert wird das auch von der in Münster ansässigen Göhde-Stiftung. Die setzt sich für die nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern ein. Das kann etwa durch Basisversorgung mit Medizin und Diagnostik im Kampf gegen HIV, Tuberkulose und Malaria sein. Im Jahr 2017 hat man zudem einen zweiten Aktivitätsschwerpunkt im Bereich Musik etabliert, in Deutschland wie weltweit.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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