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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Brigitte Duftner

Buffonesker Routinier

Innsbruck (A), Festwochen der Alten Musik, Paërs „Leonora“

Festspiele auch in Innsbruck, wo man sich die 44. Festwochen für Alte Musik nicht virusvermiesen lassen wollte. Es sind auch die 10. unter der Leitung Alessandro De Marchis, wobei der italienische Dirigent nie an die Glanzzeit seines Vorgängers René Jacobs anknüpfen konnte. Didaktisch-thematisch war man gut aufgestellt, indem im 250. Beethoven-Jubiläumsjahr wieder mal Licht fiel auf „Leonora“ von Ferdinando Paër, 1804, ein Jahr vor der ersten von drei „Fidelio“-Versionen chorlos in Dresden uraufgeführt. Beide Vertonungen gehen zurück auf Jean Nicolas Bouillys Libretto für Pierre Gaveauxs Rettungsoper „Léonore, ou L’amour conjugal“ von 1798. Der Routinier Paër gab seiner 27. Oper die Gattungsbezeichnung „Fatto storico“, sie ist mal komisch (in der Marcellina-Geschichte), mal rührend (in der der sich hier Fedele nennende Gattenrettung der Leonora). Sie ist nett und unterhaltsam anzuhören, buffonesk, virtuos, vielfach Rossini vorwegnehmend, aber nicht sehr nachhaltig. Trotzdem spannend im Vergleich zu Beethovens Opernzwitter, der schon in seiner ersten Fassung viel weltanschaulicher, universeller sein will und natürlich viel eindrücklicher Klang erfindet, gerade weil der Schöpfer sein Opernhandwerk nicht versteht. Visionäres Talent und einzigartige Inspiration versus einst berühmtes und beliebtes Tonhandwerkertum – nach drei Stunden ordentlicher, aber harmloser Musiktheatermanufaktur ist man ganz und gar auf Beethovens Seite. Obwohl Eleonora Belloccis Leonora koloraturflammend zum Himmel singt, Marie Lys’ hier sehr aufgewertete Marcellina so kratzbürstig wie miezenschnurrig vokalsiert und im zweiten Akt auch Paolo Fanale es als Florestano tenorstrahlend Licht im Kerker werden ließ. Rollenpassgenau Rocco, Pizarro und der Rest, von der ursprünglichen Regisseurin Mariame Clément in andeutend heutiger Kleidung (Sonnenbrille, Proll-Haircut, Girliefähnchen) zu händeringenden „szenischen Interventionen“ angehalten. Der zu vernachlässigende Schwachpunkt: Wieder einmal das von De Marchi nur lasch angeführte Orchester.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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