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(c) Larry Cheuk

Matt Haimovitz

Französischkurs für zwei

Der Cellist hat mit der Pianistin Mari Kodama ein rein französisches Programm mit einigen Neuentdeckungen eingespielt.

Wie in Corona-Zeiten üblich, treffen wir uns im Video-Chat. Matt Haimovitz ist zugeschaltet aus dem texanischen Marfa nahe der mexikanischen Grenze. Er sitzt im Haus der befreundeten Künstler Christopher Wool und Charline von Heyl vor einem riesigen, expressiv abstrakten Gemälde von Heyls, Mari Kodama kommt in Hamburg an den Bildschirm.

RONDO: Ist das Ihr erstes gemeinsames Album?

Matt Haimovitz: Wir sind zusammen bereits in vielen Konzerte aufgetreten, aber das hier ist unsere erste gemeinsame Einspielung.

Mari Kodama: Wir haben schon mindestens 15 Jahre zusammen musiziert und ein großes Repertoire erarbeitet von Beethoven bis Messiaen.

MH: Aber wir sprechen über diese Aufnahme tatsächlich bereits seit Jahren.

MK: Ich glaube, wir haben einmal in einem Konzert zusammen Debussy und Poulenc gespielt und so kamen wir auf die Idee, ein Album nur mit französischer Musik aufzunehmen.

MH: Wir haben dann angefangen, über verschiedene unbekanntere Stücke zu reden. Du hast die Stücke von Nadia Boulanger gefunden.

MK: Und du hast Lili Boulanger entdeckt.

MH: Mir war ganz neu, dass Nadia Boulanger auch komponiert hat, denn ich kannte sie nur als Lehrerin von Philip Glass, Elliott Carter, Astor Piazzolla und noch vielen anderen. Ihre Musik ist eine echte Entdeckung, ich finde sie wunderbar. Und dann fand ich heraus, dass sie schließlich das Komponieren aufgab, um nur noch ihre Schwester zu unterstützen. Die beiden Stücke auf der CD sind ursprünglich für Violine und Klavier komponiert, wir haben sie arrangiert für Cello und Klavier.

RONDO: Haben Sie beide eine besondere Affinität zur französischen Musik?

MH: Ich lebe in Montreal, habe aber auch für ein paar Jahre in Paris gelebt, denn es war immer mein Traum, dort zu leben. Ich liebe die französische Kultur, das französische Essen und die Lebensart. Diese besondere Art, das Leben zu genießen und zu zelebrieren. Wir stehen beide der französischen Kultur sehr nahe.

RONDO: Wie würden Sie die besondere Qualität der französischen Musik beschreiben?

MK: Ich denke, in der französischen Musik ist immer ein besonderes Licht, aber im Englischen ist „light“, also Licht identisch mit „leicht“. Aber das ist es eben nicht. Französische Musik ist nicht leicht im Sinne von wenig Gewicht.

RONDO: Genau das ist der französischen Musik ja häufig vorgeworfen worden – in der Tradition von Richard Wagners tendenziöser Kritik –, sie sei eben leicht und es mangele ihr an Tiefe. Diese Einspielung darf man also als Plädoyer für die französische Musik und als Gegenbeweis verstehen?

MK: Natürlich denken manche Leute, französische Musik sei Salonmusik, nur Farbe. Aber das ist nicht annähernd der Fall. Debussy zum Beispiel, seine Art zu komponieren scheint so frei zu sein, aber tatsächlich folgt sie einer großen Strenge. Ich denke, wir wollten versuchen, die Tiefe der französischen Musik zu sondieren.

MH: Ich denke, Debussy ist ein perfektes Beispiel. Er war so stolz darauf, Franzose zu sein und er suchte nach einer französischen Identität in der Musik. Aber seine Cellosonate, der Beginn ist eindeutig inspiriert und ein Kommentar oder sogar eine direkte Antwort auf Opus 102/II von Beethoven, schon die erste Geste! Da ist also auch eine Universalität. Ich denke, die französische Musik ist eine Suche nach dem Eigenen, aber am Beginn steht immer auch eine kämpferische Auseinandersetzung mit der deutschen Tradition. Und zugleich gibt es viel Offenheit für Exotisches – aus europäischer Sicht. Etwa für das Asiatische, aber auch – wie bei Milhaud – für den Jazz.

RONDO: Herr Haimovitz, im Booklet schildern Sie einen dramatischen Unfall mit ihrem venezianischen Goffrillard-Cello, das extrem beschädigt wurde. Das ist nun das erste Album mit dem wiederhergestellten Instrument. Klingt es so wie vor dem Unfall?

MH: Das ist schwer zu sagen, ich müsste alte Aufnahmen anhören. Ich bin jetzt sehr glücklich mit dem Cello. Es dauerte ein paar Monate, es wieder zum Klingen zu bringen, ein Cello ist ein lebender Organismus, es muss gespielt werden. Aber ich denke, dieser Bruch ist heute ein Teil seines bewegten Lebens, es gibt mir alle Farben dieser Musik.

RONDO: Sie haben Arrangements von Gabriel Faurés „Après un rêve“ und Maurice Ravels „Kaddish“ eingespielt: Singen Sie innerlich den Text mit?

MH: Ja. Ich habe zuerst sehr lange über die Texte nachgedacht, auch über den Klang der Vokale. Aber später wird es dann doch ein ganz eigenes Ding, denn es muss dann eben ohne die Worte auskommen, ohne Worte sprechen.

RONDO: Der Titel „Mon ami, mon amour“ könnte auch der Titel eines Pop-Albums sein. War dieses Spiel mit Konventionen Absicht?

MH: Darüber haben wir gar nicht nachgedacht, aber wenn deshalb mehr Leute diese Musik hören, umso besser! Der eigentliche Grund für den Titel ist tatsächlich: Einer meiner Helden ist Jacqueline du Pré und sie nannte ihr Cello stets „mon ami“. Ich hatte mein Cello 30 Jahre, es hat mich überallhin begleitet. Es war wirklich ein guter Freund. Und als es zerbrach, brach es mir das Herz. Außerdem: ein französisches Album sollte einen französischen Titel haben, oder?

Neu erschienen:

„MON AMI, Mon amour“

mit Haimovitz, Kodama

Pentatone/Naxos

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Trauma-Bewältigung

1Für Matt Haimovitz ist das Album mit Werken von Debussy, Fauré, Milhaud, Lili und Nadia Boulanger, Ravel und Poulenc auch ein Stück Trauma-Bewältigung. Denn der Unfall mit seinem Goffrillard-Cello geschah, als er mit einem Schüler an der Poulenc-Sonate arbeitete: „In der Mitte einer Diskussion griff ich nach der Partitur, stolperte und verlor das Gleichgewicht. Ich ließ das Cello los und drehte mich nach rechts weg. Fassungslos blickte ich auf das ozeanische Türkis des Perserteppichs in meinem Studio, dort lag mein dreißigjähriger Begleiter. Der kopflose Körper lag unbeweglich da, der Hals riss ihm sauber vom Rumpf ab und hinterließ eine klaffende offene Wunde.“


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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