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Traviata in Luxembourg (c) Lucie Jansch

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Typisch. Bryn Terfel zieht sich einen Schuh aus und singt sich eins. Keine Angst, der walisische Weltstar kennt seine Grenzen und würde sie bei einer Preisverleihung keineswegs überschreiten. Höchstens lockert er den zeremoniösen Rahmen auf. Festlich, aber angemessen, herzlich und liebevoll der Stifterin im Gedenken zugewandt.
So war sie, die vierte Verleihung des Birgit-Nilsson-Preises im Opernhaus Stockholm samt König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia. Welch glücklicher Zufall, dass just zum 100. Geburtstag der größten schwedischen Sängerin eine andere schwedische Hochdramatische mit diesem renommierten, mit einer Million Dollar dotierten Preis ausgezeichnet wurde: Nina Stemme.
Die hatte zwei Tage vorher noch den „Ring“ am Royal Opera House, Covent Garden vollendet und nahm jetzt mit Mann, drei Kindern, Mutter, Schwester und weiteren Anverwandten gerührt den Award entgegen. Hatte sie doch hier schon, an der gleichen Stelle, auf der die Nilsson wie sie selbst ihre ersten Bühnenschritte unternommen haben, vor neun Jahren Isoldes Liebestod gesungen. Damals war als erster Preisträger Plácido Domingo ausgezeichnet worden.
Weiter führt uns der Opernweg – diesmal ins Grand Théâtre de Luxembourg. Dort gastiert eine stimmige Robert-Wilson-Inszenierung aus Perm – „La traviata“. Und diese blaue Verdi-Stunde verdämmert nicht, sie verdonnert. Zeitweise. Das ist gut so. Denn der Komponist bietet einen Werkkorpus, bei dem sich der Dirigent Teodor Currentzis mit seiner MusicAeterna- Truppe austoben kann, im Lauten wie im Leisen, im Harten und im Zarten.
Wilson als Strippenzieher und Currentzis als Musikmanipulator. Im leeren, durch indirektes Licht oder Punktscheinwerfer kostbar gegliederten Bühnenraum inszeniert Wilson einen seiner Totentänze. Personen laufen und singen aneinander vorbei, folgen dem strengen Gestenmasterplan eines fernöstlichen Schattentheaters. Frostig steif sind die uniformartigen Roben, der Traviata-Tod ereignet sich im Stehen.
Ganz bewusst ist die Klangfarbendramaturgie von Teodor Currentzis, und er gibt dem Stück neue Spannkraft. Im letzten Akt wird oft nur mit halber Stimme, gefährlich leise gesungen. Herausragend Nadezhda Pavlova als Violetta. Nicht nur, dass sie ein hohes Es in der Arien-Cabaletta hält und in den Duetten viele Farbmischungen offenbart. Fahl und mit fast brechenden Tönen singt sie das „Addio del passato“, fügt sich als nur mit ihrer Stimme bebendes Kunstgeschöpf perfekt in das artifizielle Ambiente ein.
Wie jedes Jahr machen wir vergnügt im irischen Wexford Station, delektieren uns an drei Musiktheater-Raritäten beim 67. Festival. Im gemischten Verismo-Doppel finden sich Francesco Leonis „L’Oracolo“ und Umberto Giordanos „Mala vita“. Rodula Gaitanou hat sie im selben Brickstone-Hauswürfel mit vier Fassaden angesiedelt. Zunächst in der Chinatown von San Francisco, wo sich das sinistre Geschehen samt zwei Morden der Leoni-Oper ereignet. Da wird geprügelt, geliebt und gebarmt, sogar ein Herz hergezeigt und dabei vollsaftig gesungen und musiziert. Ebenso dann in Giordanos juveniler Kurzoper, die aus Neapel nach Little Italy verlegt wurde.
Als zweite, hoch elegante Festival-Premiere folgte William Bolcoms „Dinner at Eight“. Der imitiert gekonnt die Hollywood-Nostalgie des gleichnamigen Filmklassikers, setzt auf Roaring Twenties, Jazzbesen, Art déco und gute Wortwitze. Als habe Stephen Sondheim ein Cole-Porter-Musical geschrieben und gleich tanze Fred Astaire um die Ecke.
Man verschmerzt, wenn nach zwei gelungen Premieren die dritte rare Novität ein Stinker ist, so fällt hier meist die Bilanz aus. Diesmal der Rohrkrepierer: „Il bravo“ von Saverio Mercadante. Macht nix, wir fiebern schon aufs nächste Jahr!

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2018



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