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(c) Terry Linke/DG

Andris Nelsons

Alle Neune zum Geburtstag

Ohne Beethoven wäre er wohl nie Dirigent geworden. Nun hat der Lette die Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern eingespielt.

Die Trompete hat einen Ehrenplatz. Immer in Griffnähe des Maestro, lagert sie auf dem Sofa im Dirigentenzimmer, schaut aus ihrem Futteral und wartet auf den nächsten Einsatz. Am vorigen Abend erst war es wieder einmal so weit: Kammerkonzert im Leipziger Gewandhaus mit Werken von Clara und Robert Schumann, Sofia Gubaidulina und der unerhört begabten, doch leider viel zu früh verstorbenen Lily Boulanger. Zum prominent besetzten Klaviertrio Baiba Skride, Lauma Skride und Harriet Krijgh hatte sich als einziger Bläser der Chef persönlich gesellt – und zwar mit dem gleichen professionellen Anspruch wie seine Mitstreiterinnen. Denn: Bevor ihn seine rasante Dirigentenkarriere auf die Podien der Welt und schließlich ans Gewandhauskapellmeisterpult nach Leipzig befördert hat, war Andris Nelsons Trompeter. „Ich bin nicht mehr so gut wie früher“, sagt der lettische Vollblutmusiker, dessen Bescheidenheit so gar nichts mit der beeindruckenden Präsenz gemein hat, die er beim Betreten eines Raums entfaltet. „Von Zeit zu Zeit tut es einfach gut, selbst Musik zu machen.“ Das heißt, nicht nur lautlos den Taktstock zu schwingen, sondern sich unmittelbar selbst am Instrument zu artikulieren.
Das hatte Andris Nelsons, hochmusikalischer Spross einer Musikerfamilie aus Riga, im Kindesalter zunächst am Klavier getan. „Hier habe ich auch die Musik Ludwig van Beethovens kennengelernt“, erinnert sich der Musiker, der bald mit den frühen Sonaten des Meisters in Berührung kam. Eine schicksalhafte Begegnung mit Klängen, mit musikalischen Gebärden voller Energie und Kraft, die sich wie Feuer ins Hirn des jungen Andris Nelsons eingebrannt haben. Sie haben sein Bild von der Musik des Bonner Meisters, der im kommenden Jahr 250. Geburtstag feiert, bis zum heutigen Tag geprägt. „Beethoven hat für mich etwas unglaublich Direktes“, sagt Nelsons, und automatisch, wie zum Beweis, ahmt sein Mund die ersten Akkordschläge der 3. Sinfonie „Eroica“ nach, die das in jeder Hinsicht revolutionäre Werk wie mit Hammerhieben eröffnen. „Die Zielstrebigkeit, die Deutlichkeit, mit der Beethoven zu einem spricht, ist wirklich einmalig.“
Mitunter scheinen im Werk des Genies sogar ganz persönliche Botschaften enthalten zu sein. Wie die, die Andris Nelsons empfing, als er sich zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Taktstock bewaffnet einem leibhaftigen Orchester gegenübersah, damals noch Zögling der Musikfachschule seiner Heimatstadt. „Ich hatte bereits mit meiner Dirigentenausbildung angefangen“, erinnert er sich, „doch das sah normalerweise so aus, dass man in einem Raum mit zwei Klavieren steht, denen man etwas vordirigiert.“ Als Mitglied des Hochschulorchesters, natürlich an der Trompete, nahm er damals an den Proben zu Beethovens 2. Sinfonie teil, als der Dirigent eines Tages nicht zur Probe erschien. „Dann habe ich die Probe in die Hand genommen, und es funktionierte. Auch wenn ich selbst das Konzert nicht dirigiert habe, war Beethovens Zweite tatsächlich das erste Stück, an dem ich mit einem richtigen Orchester gearbeitet habe.“ Das Gefühl sei unbeschreiblich gewesen. „Ob Du wirklich ein Dirigent bist, weißt Du erst, wenn Du tatsächlich am Pult stehst. Ich habe das durch Beethoven und seine Musik erkannt.“

Beethoven zeitlos halten

Wenn man in Sachen Klassik von einem Welt- Repertoire sprechen möchte, gehören Beethovens Sinfonien unbedingt dazu. Selbst Dirigenten mit weniger Reputation als Andris Nelsons müssen sich auf diesem Feld beweisen. Und das nicht nur im Konzertsaal. Auch wenn die Kataloge seit Erfindung der Schellackplatte überquellen vor Einzel- und Gesamteinspielungen des Zyklus, kommen jährlich neue Editionen hinzu. Gewissermaßen als Einstimmung auf das kommende Beethoven- Jahr 2020 ist ab diesem Herbst auch Andris Nelsons mit einer Neuaufnahme präsent. Erschienen sind die neun Sinfonien auf fünf CDs (plus einer Blu-ray Audio) bei seinem Hauslabel, das zum runden Geburtstag eine Vielzahl an plattenmarkttechnischen Aktivitäten entfaltet und unter anderem mit einer neu ausgeleuchteten Riesenedition des Gesamtwerks an den Start gehen wird. An Renommee, Glanz – und vor allem an Beethoven-Tradition nicht zu toppen ist nicht allein das Label, sondern auch der Klangkörper, mit dem Andris Nelsons für seine Gesamtaufnahme zusammengearbeitet hat. „Natürlich war es mir eine besondere Ehre, die Beethoven-Sinfonien ausgerechnet mit den Wiener Philharmonikern Sinzusammen machen zu dürfen“, gesteht der Dirigent, der das Promi-Ensemble erstmals als Debütant an der Wiener Staatsoper persönlich kennenlernen durfte (wo es als Wiener Staatsopernorchester firmiert). Es muss sofort gefunkt haben, denn wen die Wiener Philharmoniker nicht mögen, den laden sie gewiss nicht ein, ihr traditionelles Neujahrskonzert zu dirigieren – hier steht Andris Nelsons am 1. Januar 2020 am Pult – und schon gar nicht, um mit ihnen die Werke des heiligen Ludwig auf Tonträger für die Ewigkeit festzuhalten.
Doch, Moment mal! Was sagen denn die Musiker im heimischen Leipzig dazu, dass ihr Maestro bei einem so prestigeträchtigen Projekt einem anderen Orchester den Vorzug gibt? Ist das nicht wie Fremdgehen? „Die Anfrage aus Wien kam schon, bevor ich in Leipzig als Gewandhauskapellmeister angefangen habe“, erklärt Andris Nelsons, der diese Funktion offiziell erst im Februar 2018 übernommen hat, auch wenn er sie faktisch bereits in der vorangehenden Spielzeit innehatte. Die Aufnahmen mit den Wienern gingen parallel aus einer Aufführungsserie im Musikverein zwischen März 2017 und April 2019 hervor. „Das Orchester hatte größtes Verständnis und überhaupt kein Problem damit.“
Außerdem hat das Gewandhausorchester vor nicht allzu langer Zeit selbst mit einer hochgelobten Gesamteinspielung der neun Sinfonien punkten können, 2011 unter Nelsons Vorgänger Riccardo Chailly. „Ich gehöre zwar zu den Dirigenten, die sich viele Aufnahmen anhören und vergleichen“, sagt Nelsons, angesprochen auf die vielen Referenzeinspielungen, „aber um Konkurrenzkampf geht es mir nicht.“ Vielmehr sei es wichtig, Beethovens Botschaft immer wieder lebendig zu halten und ihm – egal ob man einer wie auch immer gearteten Tradition folgt, neue Erkenntnisse zur Tempogestaltung umzusetzen versucht oder auf historischen Instrumenten spielt – die Möglichkeit zu geben, zu den Menschen von heute zu sprechen. Das Wichtigste für Andris Nelsons: „Wir müssen ihn zeitlos halten.“

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Complete Symphonies (CDs + Blu-ray Audio)

Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons

DG/Universal


Von Riga aus in die Welt

Andris Nelsons stammt aus Riga, wo er nach dem Musikstudium zunächst als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper tätig war. Kurze Zeit später fand er sich hier als Chefdirigent wieder. Seine erste Leitungsposition hatte er zwischen 2006 und 2009 bei der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford inne. Nach zahlreichen wichtigen Debüts u.a. in Berlin, Wien, New York und schließlich 2010 in Bayreuth ging seine Karriere steil nach oben. 2008 wurde er Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra und übernahm 2014 in gleicher Position das Boston Symphony Orchestra. Als Nachfolger von Riccardo Chailly ist er derzeit 21. Gewandhauskapellmeister in Leipzig.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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