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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Aiga Redmane

Iveta Apkalna

Aller guten Dinge

Drittes Album bei Berlin Classics, bestehend aus drei Scheiben, drei von ihr eingeweihte Orgeln: Die lettische Organistin bringt mit „Triptychon“ die Konzertkirche Neubrandenburg zum Klingen.

„Nein, nein“, wehrt Iveta Apkalna die nordisch klarlinige, aber nicht ganz echtblonde Organistin ab. „Das Programm ist keinerlei melancholischer Stimmung während der Pandemie zu verdanken. Das ist also nicht das schwermütige Ergebnis eines Isolations-Blues, das sind drei Komponisten, die mich als Idee eines Triptychon-Albums schon länger beschäftigt haben.“ Aber natürlich, so spricht die zierlich-sportive Frau, die doch so sehnig voll Tasten auf mehreren Manualen anschlagen und in Pedale treten kann, habe sich dieses Projekt in diesen Monaten besser ausspinnen, durchdenken, gliedern lassen. Weil Zeit war, weil sie in oft verwaiste Kirchen und Konzertsäle konnte, um in die engere Auswahl genommene Titel noch einmal durchzuspielen, zu bestätigen oder zu verwerfen. Das tat sie in enger Absprache mit ihrem Mann, der Tonmeister ist, und der natürlich auch diese, ganz simpel und bescheiden „Triptychon“ genannte Trias aufgenommen und abgemischt hat. „Ich möchte, dass es auch als musikalisches Angebot funktioniert, ohne dass man sich auf das Programm einlassen muss. Mit Programm macht es aber mehr Spaß, weil auch der Laie Querverbindungen und Beziehungen erkennt, von der Stimmung mitgetragen wird.“ Die Organistin als DJane? In gewisser Weise schon. Auch sie gebietet über eine sehr dominante Raumbeschallung die mal in den Bauch, mal ins Herz oder ins Hirn gehen kann. Die durchaus bei zu starkem Genuss zur Sucht verführen kann, bei der man sich auf einen Trip wegbeamt, die einen vorantreibt und in den Flow, bisweilen sogar zum Abheben und Fliegen bringt. Orgel ist ja heute viel mehr als Kirchenchoralbegleitung auf Wollstrümpfen. Und gerade im Vergleich zum wilden, kinky, glamourösen Cameron Carpenter und seiner vollelektronischen, aber dafür reisefähigen Powershow-Konzertorgel wahrt Iveta Apkalna einen gewissen, distinguiert damenhaften Abstand. Obwohl auch sie auf volles Risiko orgelt, die Pfeifen zumindest metaphorisch heißlaufen lässt und die Register in prallbunter Varianz zu ziehen vermag. Sehr Apkalna-like ist nun auch ihr jüngstes Vorhaben, je eine CD mit Musik ihres Landsmannes und Freundes Pēteris Vasks („es ist so schön, wenn man sich mit einem lebenden Tonsetzer austauschen kann, wenn man diskutiert und ausprobiert“), von Orgel-Gott Johann Sebastian Bach und von Franz Liszt, selbst Abbé, der vielfach auf den Namen des berühmten Vorgängers auch thematisch reagierte. Die Vasks-CD ist blau, und so flach wie bis zum Rigaer Meerbusen auch das Land ist, so flächig-grandios kommen seine drei hier eingespielten Werke Hymnus, Balta ainava und Musica aus dem Lautsprecher. „Pēteris Vasks ist neben Arvo Pärt der bedeutendste und meistgespielte Komponist des Baltikums. Und Lettland ist Pēteris Vasks und Pēteris Vasks ist Lettland“, so die Organistin. „In seiner Musik höre ich unsere gemeinsame Landschaft, den weiten Horizont, die Wiesen und Wälder, Vogelstimmen und das Meer. Pēteris ist sicher ein sehr lettischer Charakter, verfügt aber auch über eine Art von ,Weltatem‘. Sonst würden nicht Menschen auf der ganzen Erde seine Musik lieben.“ Von Bach (auf weißer Scheibe) hat sich Iveta Apkalna für Toccata, Adagio und Fuge BWV 564 die Triosonate BWV 527 sowie die sechs Choräle BWV 645–650, auch bekannt als Schübler-Choräle, entschieden. Bach nimmt die Mittel- und Haupttafel des tönenden Triptychons ein – so wie er ja auch der zentrale Name im Schaffen jedes Organisten ist: „Ich habe eine größtmögliche stilistische, kompositorische und klangliche Auswahl mit konkreten persönlichen Motiven verknüpft“, führt Iveta Apkalna aus. „Ich glaube, es ist wirklich ein Phänomen: Die Musik Bachs berührt jeden, wirklich jeden, und hinterlässt Spuren im Leben von jedem Menschen, auch denen, die normalerweise gar nichts mit Musik zu tun haben. Wir entkommen ihm nicht. Er fasziniert uns immer wieder aufs Neue.“

Von Taiwan bis Neubrandenburg

Der listenreiche Liszt – ihm wurde die Farbe Orange zugeordnet – ist mit Präludium & Fuge über B-A-C-H, der Fantasie & Fuge über B-A-C-H, „Nun danket alle Gott“ sowie Fantasie & Fuge über „Ad nos, ad salutarem undam“ vertreten. Denn auch das OEuvre dieses umschwärmten Reisevirtuosen und visionären Komponisten liegt Iveta Apkalna sehr am Herzen. Sei es ihre persönliche Visitenkarte, das Präludium und Fuge über B-A-C-H oder die Choralbearbeitung „Nun danket alle Gott“, die eine Verbindung zu Apkalnas Haus- und Jugendorgel im Dom zu Riga darstellt, weil Liszt dieses Werk für deren Einweihung beisteuerte. Drei Komponisten, drei Jahrhunderte und sogar drei Konfessionen an einer Orgel: Mit ihrem dritten (!) Album für Berlin Classics verbindet Iveta Apkalna die Musik des natur-spirituellen Pfarrerssohn Vasks, des protestantischen Musik-Monolithen Bach und des von Groupies umschwärmten Salonlöwen und spätberufenen Katholiken Franz Liszt. Zugleich möchte Iveta Apkalna, die die Orgel vorangebracht und heller ins Licht der Öffentlichkeit gestellt hat als keine Frau vor ihr, mit jedem ihrer bisherigen Alben auch ein bestimmtes Instrument in den Fokus nehmen. Die sie zudem alle drei eingeweiht hat. Die erste Veröffentlichung dieser Reihe war natürlich der großmächtig-vornehmen Klais-Orgel gewidmet, die die Hamburger Elbphilharmonie schmückt und wo sie schon lange vor dem Januar 2017 als Eröffnungstag als Titularorganistin wirkte. Der Vertrag wurde unlängst zum dritten Mal verlängert und natürlich wird die Lettin samt Instrument eine bedeutende Rolle spielen, wenn im Januar 2022 bereits der fünfte Elphie-Geburtstag ansteht. Sehr gelungen findet Iveta Apkalna die Doppel-Orgel des taiwanesischen Kaohsiung Center for the Arts, ebenfalls von Klais konzipiert. Dabei beriet zwar Olivier Latry, der Organist von Notre Dame. Aber 2018 weihte die Lettin das größte und trotzdem filigran-heiter anmutende Klais-Instrument im ebenfalls größten Kulturkomplex Asiens ein und hielt das auf CD fest. Und als dritter Streich bekommt nun die ebenfalls 2017 von Iveta Apkalna mitaufgebaute, inaugurierte und jetzt erstmals auch eingespielte Orgel in der Konzertkirche Neubrandenburg ein Klangdokument. Die ehemalige Marienkirche in Neubrandenburg, die 2001 profaniert und zur Konzertkirche umgewandelt wurde, erhielt dank der Stiftung des Unternehmers Günther Weber ihre Orgel erst nachträglich. Für den Bau beauftragt wurden – historisch einmalig aus Zeitgründen –die alteingesessenen Orgelbau-Werkstätten Klais (Bonn) und Schuke (Berlin) gemeinsam. Mit insgesamt 2852 Pfeifen, die zwischen 8 Millimeter und fast 7 Meter hoch sind, besitzt die Orgel 70 Register. Im Prospekt, dem sichtbaren Teil des Instruments, stehen insgesamt 65 Pfeifen: 45 Metallpfeifen in der Front und 20 Holzpfeifen in den Seitenprospekten. Iveta Apkalna ist darüber des Lobes voll: „Diese Orgel klingt unglaublich warm, samtig und rund. Und sie gibt dem Organisten durch ihre klar definierten Register alle Möglichkeiten, ob solo oder mit Orchester, vom Frühbarock über romantische Literatur bis hin zur Moderne. Diese Orgel ist wirklich für mich zu einer persönlichen Liebesgeschichte geworden. Jetzt möchte ich sie mit aller Emotion und den tiefen Momenten, die ich besonders während der Pandemie auch an ihr verbracht habe, einer möglichst großen Hörerschaft nahebringen.“

Neu erschienen:

Vasks, Bach, Liszt

„Triptychon“

mit Apkalna

Berlin Classics/Edel

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In der Elphi zuhause

Iveta Apkalna wurde 1976 in Rezekne (Lettland) geboren. 1993 war sie die offiziell für den Papstbesuch Johannes Pauls II. bestellte Organistin an der Aglona-Basilika (Lettland). Nach Abschluss ihrer Hochschulreife an J. Ivanovs Musikkollegium in Rezekne studierte sie Klavier und Orgel an der J. Vitols Musikakademie Lettland und absolvierte 1999 beide Instrumente jeweils mit Auszeichnung. Ein Aufbaustudium an der London Guildhall School of Music and Drama schloss sich bis 2000 an. Bis 2003 war sie vom DAAD geförderte Solistenklassestudentin an der Stuttgarter Musikhochschule und nahm an diversen Wettbewerben teil. Sie gastiert weltweit, lebt in Berlin. Seit 2017 ist sie die Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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